Sonntag, 22. Januar 2017

Spioninnen

Lassen wir uns von Frauen mehr gefallen als von Männern? Die Marketingabteilungen der großen Unternehmen scheinen das zu glauben, und die werden es wohl wissen.

Seit Apple mit Siri vor gut 5 Jahren die Spracherkennung in den iPhones integriert hat, taufte fast jede Firma ihre Spracherkennungstechnologie mit weiblichen Vornamen. Bei Microsoft redet man mit Cortana, und bei Amazon gibt's inzwischen Alexa. Nur bei Google hört man auf den neutralen Ruf "Ok Google". Schon zuvor fiel mir auf, daß die Stimme irgendwelcher elektronischen Dienste fast immer weiblich ist, egal ob es das Navi ist, oder die Stimme des automatischen Telefonservice, oder die blöde Automatentante, die mich anruft, um mir dann "Herzlichen Glückwunsch" in's Ohr zu plärren. Es erhärtet sich die Erkenntnis: Technische Versuche, menschlich zu wirken, sind überwiegend weiblich.

Ich gebe zu, daß mich Cortana von Microsoft gleich von Anfang an genervt hat. Ich bin Computer-Mensch seit ich Teenie war, und das war noch in den 70ern, also deutlich bevor die Welt mit dem IBM-PC beschenkt wurde. Und hier kommt ein Mädel daher und will mir meinen PC erklären, ja drängt sich geradezu auf. Wenn das keine Kränkung ist! Besonders wenn man dann schnell merkt, daß sie keine Ahnung hat, und auch nichts anderes macht als für mich zu googeln (oder "bingen"). Sorry Mädel, das kann ich auch selber, vielen Dank! Ich habe sie rausgeschmissen.

Ich will hier aber nicht in Maskulismus schwelgen. Diese Beispiele deuten auf ein tiefer liegendes Muster hin, auf eine Masche, die durchaus erfolgreich zu sein scheint. Assistenten jedweder Art sind der letzte Schrei, und die brauchen nicht nur eine Stimme und einen (weiblichen) Namen, sondern insbesondere auch Spracherkennung bzw. Sprachsteuerung. Und Sprachsteuerung braucht ein Gerät, das immer zuhört. Wenn es gut funktioniert, ist es superpraktisch. Wir erleben gerade wie sich das in den Alltag integriert.

Es ist aber auch supergefährlich. Und hier haben wir ein Problem: In den letzten 10 Jahren hat sich noch jede Technik, die superpraktisch ist, in Windeseile durchgesetzt, egal wie gefährlich sie ist. Ich habe keinen Zweifel daß es mit der Sprachsteuerung ebenso ist. Ich glaube aber daß wir damit letztlich die Privatheit, und somit die Macht über uns selber aus der Hand geben. Wenn Ihr jetzt schon wieder abwinkt, wenn Ihr denkt "wieder so ein langweiliger Alarmist", und "was soll denn schon passieren, ging doch auch bisher gut", dann braucht Ihr nicht weiter zu lesen. Ich will bloß diejenigen erreichen, die auch erreicht werden wollen. Und ich werde keine Handlungsanweisungen geben, ich will bloß zum Nachdenken anregen über Dinge, über die vielleicht der Einzelne nicht genug nachgedenkt bevor er handelt.

Die Spracherkennung ist gar nicht das Problem. Das Problem ist Spracherkennung in Verbindung mit Vernetzung. Darin liegt aber gleichzeitig auch der größte Nutzen. Um deutlich zu machen wie ich das meine, schauen wir uns erst einmal an was denn in der Praxis schon jetzt (eingeschränkt) oder in naher Zukunft (immer besser) gehen wird:

Irgendein Gerät in unserer Nähe (oder sogar mehrere davon) wird ständig mithören, was wir sagen. Es wird verstehen was wir sagen, und versuchen, daraus Informationen zu gewinnen. So kann man Aktionen auslösen, wie z.B. das Abspielen von Musik oder die Wahl eines Programms im Radio oder Fernsehen. Oder die Steuerung von Licht oder Heizung. Das Öffnen der Tür. Den Kauf eines Produkts im Internet. Das Tätigen von Bankgeschäften.

Wer ein Auto hat, das selber fahren kann, könnte auch sein Auto auf diese Weise steuern. Man könnte das Garagentor öffnen, das Auto vorheizen und vor die Tür fahren lassen, während man gerade aus der Dusche tritt, die man natürlich ebenfalls sprachsteuern kann. Auf dem Weg nach draußen kann man noch den automatischen Staubsauger beauftragen, sich die anstehenden Aufgaben aus dem persönlichen Kalender aufsagen lassen und die Alarmanlage scharf schalten. Alles einfach mit der eigenen Stimme.

Das alles geht wenn die entsprechenden Geräte miteinander und mit dem Internet verbunden sind. Es ist das Internet der Dinge (IoT).

Dabei sollte man sich bewußt machen, daß die Spracherkennung selbst ebenfalls im Netzwerk stattfindet. Es ist keine Funktion, das ein Gerät autonom ausführt. Der Hersteller und Dienstanbieter will davon ebenfalls etwas haben. Einmal um die Qualität der Spracherkennung kontinuierlich zu verbessern. Aber noch wichtiger auch um immer mehr über die Nutzer zu erfahren. Damit kann man viel Geld verdienen. Jeder sollte davon ausgehen, daß alles was er im Beisein eines solchen Geräts sagt, ob es mit dem Gerät etwas zu tun hat oder nicht, seinen Weg zum Hersteller findet. Jedes solche Gerät ist eine Wanze.

Es ist noch weit mehr als eine Wanze. Bei einer klassischen Wanze gab es auf der anderen Seite genau eine Instanz, die abgehört hat. In aller Regel war das ein Geheimdienst. Das konnte den meisten normalen Leuten ziemlich gleichgültig sein, denn normale Leute kommen selten ins Fadenkreuz von Geheimdiensten. Zudem war diese Form von Abhören teuer genug um es sparsam anzuwenden. Das ist heute völlig anders. Die IoT-Wanzen bezahlt der Abgehörte, der auch freiwillig dafür sorgt daß sie immer an sind. Und die abgehörten Daten werden von einer Dienstleistungsfirma kontinuierlich ausgewertet, so daß man das fertig ausgewertete Ergebnis als interessierte Partei vom Dienstleister kaufen kann. Der Endeffekt ist, daß praktisch jedermann ständig und überall abgehört wird, und daß man fertig ausgewertete Daten auch im Nachhinein von praktisch jedermann abrufen kann, wenn man den Dienstleister dafür bezahlen kann, oder wenn man ihn zur Herausgabe der Daten verdonnern kann.

Die Konsequenzen für die staatliche Strafverfolgung sind vielleicht die, die Euch als Erstes in den Kopf kommen. Damit kann man je nach Perspektive auch am leichtesten einverstanden sein. Viele Leute scheinen ja immer noch der Meinung zu sein, sie hätten nichts zu verbergen, und gerade die staatlichen Verbrechensbekämpfer dürften alles wissen. Eine aus meiner Sicht unfassbar naïve Haltung, weil sie davon ausgeht, daß der Staat keine Fehler macht und immer auf Seiten der Bürger steht, aber immerhin ist das angesichts der vorhandenen Bedrohungen der inneren Sicherheit noch ein klein wenig nachvollziehbar.

Aber selbst wenn man diese naïve Haltung hat, kann einem kaum wohl dabei sein, wenn man sich überlegt wer sonst noch Zugriff auf diese Daten hat, oder bekommen könnte. Schon die Firmen, die diese Daten sammeln, wie Google, Amazon, Apple, Microsoft und so weiter, tun das um Euch möglichst gut kennenzulernen. Erstens können sie Euch dann gezielt Dinge verkaufen. Das ist nicht unbedingt so gut wie es sich anhört, denn in letzter Konsequenz wollen sie damit Euch eine personalisierte Filterblase bauen, also Eure Wahrnehmung steuern, um Euch nicht bloß ganz bestimmte Produkte verkaufen zu können, sondern auch den Preis dafür zu optimieren. Sie wissen irgendwann nicht nur was man Euch verkaufen könnte, sondern auch wieviel Ihr dafür zu bezahlen bereit seid. Glaubt nicht daß das zu Eurem Vorteil gerät.

Aber auch andere Firmen wollen diese Daten haben, und sind bereit sie von den genannten Dienstleistungsfirmen zu kaufen. Denkt nur mal darüber nach wie interessant alle diese Informationen für Versicherungen sind, die ihr Risiko einzuschätzen versuchen. Oder Banken, von denen Ihr einen Kredit wollt. Oder Arbeitgeber, bei denen Ihr arbeiten wollt. In dem Moment, wo Ihr von der Versicherung oder Bank oder vom Arbeitgeber etwas wollt, ist es zu spät. Die Informationen sind schon draußen. Dann wird es nichts nützen, nachträglich etwas löschen zu wollen, oder nachforschen zu wollen wie ein unbequemes und vielleicht überraschendes "Rating" zustande gekommen ist.

Und schließlich sind auch die Bösewichte dieser Welt an den Daten interessiert. In bargeldlosen Zeiten wird man vielleicht nicht mehr in eine Wohnung einbrechen wollen, in der Hoffnung dort Geld zu finden, aber es wird immer noch genügend Wertgegenstände geben, die man heraus holen kann. Wenn nicht, dann könnte man sich Türschlösser und Alarmanlagen auch sparen. Was die Diebe brauchen, ist Information darüber wann die Chancen für einen Einbruch am besten stehen. Und am besten auch die Möglichkeit, die Türen ohne Alarm und ohne Gewalt zu öffnen. Dafür ist das IoT geradezu ideal. Wenn man da mal eingebrochen ist, dann hat man Zugriff auf alle Funktionen. Womöglich sogar mit Sprachsteuerung. Viele Systeme scheinen nicht so wählerisch zu sein wer da mit ihnen spricht. Zu wählerisch würde ja bedeuten, daß es öfter nicht funktioniert, und wir wissen ja alle daß das Wichtigste ist daß die Sache gut und bequem funktioniert. Das war immer so: Es setzen sich die bequemen Systeme durch, nicht die sicheren. Wenn sich Bequemlichkeit und Sicherheit widersprechen, dann wird der Kompromiß immer zu Lasten der Sicherheit ausfallen. Das ist nicht die Schuld der Hersteller, so wollen es die Kunden.

Und der physische Einbruch ist noch das harmlosesete der Szenarien, denn dazu muß sich immer noch jemand zur Wohnung hin bewegen. Attraktiver sind Delikte, die sich gänzlich aus der Ferne bewerkstelligen lassen. Wenn die sprachgesteuerten Geräte selber Bestellungen und Bankgeschäfte ausführen können, dann ist das ideal für Kriminelle. Die können das vom Ausland aus tun, und können sich so außerhalb der Reichweite der hiesigen Gesetze und Gesetzeshüter bewegen.

Auch das ist noch nicht alles. Eine solche Vielfalt vernetzter Geräte kann man sich auch noch zu anderen Zwecken zunutze machen. Es hat in den letzten Monaten bekanntlich mehrere Fälle gegeben, wo verwundbare Geräte von ganz normalen Verbrauchern durch Cyberkriminelle gekapert wurden, um sie zu "Soldaten" in einer Art Cyberkrieg zu machen. Nichts anderes sind die sogenannten Botnetze, die aus Tausenden oder gar Millionen gekaperter Geräte bestehen, die man quasi auf Knopfdruck von irgendwo auf der Welt aus zum Angriff bringen kann. Der Besitzer eines gekaperten Geräts braucht davon gar nichts mitzukriegen, weil für ihn alles weiterhin funktioniert. Sein Gerät ist das elektronische Äquivalent eines "Schläfers". Der weithin in den Medien diskutierte Ausfall von Routern der Telekom letzten November ist nur deswegen so aufgefallen, weil das Kapern in diesem Fall schief gegangen war. Die Telekom-Geräte waren gar nicht das Ziel des Kaper-Versuchs, sondern haben allergisch auf den damit verbundenen Datenverkehr reagiert. Die Geräte, die in diesem Fall gekapert werden sollten, waren ganz andere, und bei denen hat der Versuch wohl auch funktioniert. Nur stehen die nicht in Deutschland, sondern z.B. in Irland und in Brasilien. Also kein Grund sich beruhigt zurück zu lehnen.

Jetzt kann man sich natürlich auf den Standpunkt stellen, daß einem das egal sein kann ob sein Gerät als Soldat in einem Botnetz eingespannt wird, solange alles funktioniert. Das ist verständlich speziell wenn man sich damit sowieso nicht auskennt, und nicht darüber nachdenkt was daraus folgen könnte. Es kann aber übel zurückschlagen. Wenn die Botnetze dafür benutzt werden, die öffentliche Infrastruktur anzugreifen, von der man selbst abhängt, also Strom, Wasser, Telekommunikation, Verkehr etc., dann ist das nicht mehr ganz so lustig. Will man wirklich freiwillig Gegner der eigenen Staatsordnung mit Waffen versorgen, nur aus eigener Bequemlichkeit? Ist das nicht ein kleines bißchen so als würde man den Schlüssel im Zündschloss stecken lassen, und es dadurch einfach für einen Extremisten machen seinen LKW für einen Angriff zu benutzen?

Die meisten Leute wissen natürlich inzwischen, wenigstens im Prinzip, welche Risiken das alles hat. Es ist schließlich oft genug in den Medien. Man müßte sich schon komplett ausgeklinkt haben damit einem diese Problematik nicht begegnet. Aber trotzdem zieht anscheinend kaum einer irgendwelche Konsequenzen daraus, so alarmierend das auch sein mag. Das ist der eigentlich interessante Punkt dabei, jedenfalls aus meiner Sicht. Jeder weiß es, aber nachdem es so bequem ist, so praktisch, so cool und so nützlich, macht man halt mit, und verdrängt die Risiken. Was soll man auch machen, nicht wahr?

Wir sind ja auch so weit, daß es gar nicht mehr viel nutzt, wenn wir selbst nicht daran teil nehmen. Gar nicht teilnehmen geht sowieso praktisch nicht. Man überlege sich mal was alles nicht mehr gehen würde, wenn man das Smartphone wegschmeißen würde, und wenn man alle Geräte wieder strikt voneinander trennen würde, und vom Internet. Es ist noch nicht viele Jahre her, da war das so, aber schon können wir uns nicht mehr vorstellen wie man so leben konnte. Aber selbst gesetzt den Fall ich würde dahin zurück gehen, für mich selber. Ich wäre trotzdem umgeben von Leuten, die immer noch Teil dieses Netzwerks sind, die ihre diversen vernetzten Geräte mit Sprachsteuerung betreiben und mit sich herum tragen. Die damit letztlich auch ermöglichen, daß ich miterfaßt werde, durch Mikrofone und Kameras, durch das was sie über mich kommunizieren und mit mir kommunizieren, alles Daten die von irgendwem ausgewertet werden. Ich habe die Kontrolle über meine Daten längst verloren. Eine realistische Möglichkeit, diese Kontrolle zurück zu gewinnen, wenn ich das wollte, habe ich nicht mehr.

Das ist eine ernüchternde Erkenntnis für jemanden wie mich, der sich damals bei der Volkszählung (erinnert sich noch jemand daran?) gesträubt hat, dem Staat ein paar Daten zur Verfügung zu stellen, die heute geradezu lächerlich und trivial erscheinen. Die damaligen Proteste führten zum verfassungsgerichtlich festgestellten Recht jedes Menschen auf informationelle Selbstbestimmung, ein Recht das inzwischen als obsolet gelten kann, angesichts der hemmungslosen Datenerfassung, die inzwischen üblich ist.

Damals standen wir noch unter dem Eindruck der etwas ominösen Jahreszahl "1984", was natürlich auf George Orwell und seinen Roman zurück geht. Habt Ihr den gelesen? Orwell hat ihn 1949 geschrieben, da konnte man natürlich die technische Entwicklung noch nicht so gut voraussehen. In dieser Hinsicht liest sich der Roman heute ziemlich drollig. Und 1984 war definitiv zu früh angesetzt, wenn man es aus der europäischen Perspektive sieht (in Nordkorea würde man es wohl anders sehen). 2024 würde viel besser passen, denn heute gibt es eigentlich alles was man braucht, und besser als es sich Orwell hätte vorstellen können. Das war 1984 noch nicht so. Den Televisor stellte sich Orwell als ortsfest installiertes Gerät vor, das wie eine Kombination von Fernseher mit Kamera und Mikrofon war. Und man konnte es nicht ausschalten. Im Grunde hat man das heute als Handy in der Tasche und trägt es mit sich herum, und auch wenn man es ausschalten könnte tut man es nicht. Die technischen Voraussetzungen für das, was Orwell beschreibt, sind perfekt realisiert, also was steht dem im Weg, was Orwell in seinem Roman darstellt? Was steht zwischen unserer Situation im Moment, und der reinen Tyrannei?

Die juristische und politische Struktur unserer Gesellschaft ist jedenfalls hoffnungslos überfordert mit einer so rapiden technischen Entwicklung. Die juristische Behandlung des Datenschutzes und der Datenerfassung ist im Wesentlichen noch immer die von vor 25 Jahren. Allein die technische Entwicklung der letzten 5 Jahre hat das komplett überfahren, und es geht allem Anschein nach in diesem Tempo weiter. Die Politik hat in weiten Teilen noch nicht einmal kapiert was da passiert, und ist augenscheinlich völlig hilf- und planlos. Wenn man von da überhaupt etwas hört, dann läuft es darauf hinaus daß der einzelne Bürger eben selber auf sich aufpassen muß. Mit irgendwelchen Marktregulierungen tut man sich extrem schwer, zumal die Maßnahmen Gefahr laufen, in dem Moment schon überholt und überflüssig zu sein, in dem man sich auf sie geeinigt hat.

Das sind ideale Umstände für diejenigen Firmen, die schnell agieren können. Man kann so Fakten schaffen, die nicht mehr zurück zu drehen sind. Angesichts der Größe und der Macht von Firmen wie Google, Amazon, Facebook etc. ist es schlicht unvorstellbar, daß sich die Politik dazu durchringen könnte, Regeln zu schaffen die das Geschäftsmodell dieser Firmen in Frage stellen würden. Das Geschäftsmodell basiert auf der hemmungslosen Datenerfassung, also wird es keine Regeln geben, die das signifikant einschränken. In diesem Internet-zentrierten Markt läuft gerade eine wachsende Büffelherde aus Firmen völlig ohne Lenkung in eine Richtung in der maximaler Gewinn erwartet wird. Entsprechende gesetzliche Prinzipien wie das informationelle Selbstbestimmungsrecht, die im Weg stehen könnten, werden einfach überrannt und stillschweigend beerdigt werden. Solche Regeln sind ohnehin nur national, und die Herde ist international unterwegs. Wollt Ihr das so? Habt Ihr Euch das mal überlegt?

Ich weiß auch nicht was man da machen kann, aber ich finde, man kann das nicht einfach ungebremst laufen lassen. Ich kann nur dafür plädieren, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, und sich bewußt zu überlegen, wo man mitmachen will und wo nicht. Das fängt damit an, daß man sich bewußt macht wie man sich locken läßt. Da sind wir dann wieder am Anfang des Artikels. Euch ist vielleicht bisher noch nicht bewußt geworden, wie die Geschlechterrollen ganz gezielt eingesetzt werden, um uns rumzukriegen. Deswegen die weiblichen "Assistenten". Ich bin mittlerweile allergisch dagegen, mir fällt so etwas auf. Ihr könnt mir meinetwegen Misogynie vorwerfen, aber ich finde, der eigentliche Übeltäter sind hier die Firmen, die das ganz kaltblütig zu ihrem Nutzen einsetzen.

So ähnlich ist das auch bei den Robotern, die anscheinend auch zunehmend auf möglichst humanoid und niedlich getrimmt werden. Es gibt dafür keinen technischen Grund, das ist reine Psychologie, und ich merke wie ich mich immer mehr dagegen sträube. Aber das wäre der Stoff für einen weiteren Artikel.

Für diesmal soll's mir genügen, wenn ich etwas Bewußtsein geschaffen habe für ein Problem, was uns noch ganz sauer aufstoßen könnte. Wie gesagt, ich habe keine Rezepte parat, aber ich fände es schon gut wenn Ihr nicht bloß nach der kurzfristigen Bequemlichkeit entscheiden würdet, sondern Euch überlegt was Ihr da unterstützt, und ob Ihr mit den eventuellen Kosequenzen einverstanden seid. Also ein bißchen vorausschauend entscheidet, und vielleicht auch mal aus prinzipiellen und strategischen Gründen auf eine Bequemlichkeit verzichtet, und Euch bewußt macht daß jedes Mikrofon in einem vernetzten Gerät nicht nur eine potenzielle Wanze ist, sondern ein Datenerfassungsmittel für internationale Firmen, die daraus den maximalen Profit schlagen wollen, ganz egal was das für Euch bedeutet.

Aber wenn Ihr nur auf Bequemlichkeit aus wärt, dann hättet Ihr sowieso nicht bis hierher weitergelesen.

Donnerstag, 5. Januar 2017

Uralte Geschichte, reformiert

Das hier ist gewissermaßen der zweite Teil meines Artikels vom vorigen Monat. Dort bin ich weit in die Geschichte (bzw. Mythologie) zurück gegangen, um zu zeigen daß die Wurzeln der drei "Buchreligionen" die gleichen sind, und diese Wurzeln den Kern der Problematik bilden, die wir mit den Religionen auch heute noch haben, nämlich ihre Intoleranz und Gewalttätigkeit.

Dagegen wird oft eingewandt (auch im Kommentarteil zu meinem Artikel), daß wir es, speziell im Christentum, heute mit einer "reformierten" Religion zu tun hätten, was einen entscheidenden Unterschied mache. Zum Beispiel sagt man oft, dem Islam fehle bis heute eine solche Reformation, wie sie das Christentum erlebt hat, und das sei der Grund warum sich der Islam auch heute noch so "rückständig" zeige, verglichen mit dem Christentum.

In diesem Artikel hier will ich mich der Frage widmen, was da dran ist. Inwiefern sich also dieser vor über 3000 Jahren angelegte "Geburtsfehler" der Religion durch die folgende Entwicklung, einschließlich der Entstehung des Christentums und des Islams, und den Reformbewegungen der drei Religionen in ihrer Geschichte, etwas Grundlegendes an dieser Lage geändert hat. Das ist natürlich meine jetzige Ansicht der Dinge, und die muß sich weder mit der anderer Leute decken, noch ist sie für alle Zeiten fest, ich kann also durchaus auch durch Argumente umgestimmt werden.

Ich will auch gleich am Anfang klarstellen, daß ich, wenn ich von der Religion rede, nicht jeden einzelnen Anhänger der entsprechenden Religion meine, sondern die Lehren, Dogmen und Verhaltensweisen der Religionen und ihrer "hauptamtlichen Vertreter". Die allermeisten Anhänger aller dieser Religionen sind zuvorderst einmal Mensch, und haben ihren gesunden Menschenverstand, und ihre zwischenmenschliche Empathie. Die sind in aller Regel für ihr Verhalten und ihre Ansichten bedeutender als irgendein religiöses Dogma oder Gebot. Egal ob Jude, Christ oder Moslem, die allermeisten Leute schmeißen nicht einfach Steine auf Leute, bloß weil das in einem alten heiligen Buch so drin steht. Zum Glück ist das so. Viele mögen glauben, die Religion sei die Grundlage für ihr moralisches Verhalten, aber in Wirklichkeit sind sie einfach deswegen gute Menschen, weil sie mitmenschlich denken und fühlen. Weil sie kapieren, daß sie in der gleichen Situation sein könnten wie Ihr Gegenüber, und Andere deswegen menschlich behandeln weil sie selber menschlich behandelt werden wollen.

Alle Religionen enthalten ein Element der Mitmenschlichkeit, die genau dieses Empfinden zu stärken versucht, und insoweit das so ist, ist dagegen auch kaum etwas einzuwenden. Viele Religionsanhänger glauben, das sei eine der Hauptsachen, um die es ihrer Religion im Diesseits gehe. Ich würde bloß darauf hinweisen wollen, daß es dafür keinen Moses, Jesus oder Mohammed gebraucht hätte.

In meinem vorigen Artikel habe ich darzustellen versucht, daß bei Moses vor über 3000 Jahren diese Mitmenschlichkeit eine Forderung war, die sich auf den Umgang innerhalb der eigenen Gruppe bezogen hat. Der "Nächste", von dem in den Geboten die Rede ist, ist ganz eindeutig der andere Jude, nicht der andere Mensch. Ein Amalekiter, Kanaanäer, Jebusiter etc. war sicher kein Nächster, sondern ein zu vernichtender Feind. Wer die alttestamentarischen Bücher liest, der kann daran nicht den geringsten Zweifel haben.

Wenn man unter dem "Nächsten", dem gegenüber man zur Mitmenschlichkeit verpflichtet ist, jeden beliebigen Menschen versteht, egal welchen Glaubens, welcher Rasse oder welcher Herkunft, dann ist das ein radikal anderes Konzept als das des Moses. Mich stört, wenn Christen so tun als würden die 10 Gebote von Moses aussagen, daß alle Menschen in dieser Hinsicht gleich, nämlich als Nächster, behandelt werden sollen. Es ist eine fundamentale Umdeutung, die man schon als solche benennen sollte, anstatt den gravierenden Unterschied unter den Teppich zu kehren.

Es ist eine Umdeutung, die man auch nicht auf Jesus zurückführen kann. Jesus hat manches aus der jüdischen Religion umgedeutet, aber das nicht. Auch ihm ging es immer nur um sein eigenes, jüdisches Volk. Seine eigene Lehrtätigkeit hat sich ja auf ein recht eng umgrenztes Gebiet in Judäa beschränkt, und gepredigt hat er zu seinen Landsleuten. Mit den Römern hatte er nichts zu schaffen. Pilatus könnte der erste Römer sein, zu dem er überhaupt geredet hat, und das anscheinend nur widerwillig. Als Adressaten für seine Predigten kamen sie nicht vor. Selbst zu den Nachbarvölkern hatte er eher ein problematisches Verhältnis, wie man vielleicht am besten sehen kann am Beispiel seiner Begegnung mit einer kanaanäischen Frau, die ihn um Hilfe für ihre Tochter bittet. Bei Matthäus laßt er sie erst mit den Worten abblitzen: "Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt." und vergleicht sie mit Hunden. Ihre extrem unterwürfige Antwort "Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen." stimmt ihn um, und er hilft ihr. Das läßt an Eindeutigkeit und Drastik nichts zu wünschen übrig. Er steht in dieser Hinsicht ganz auf dem Boden, den Moses gelegt hat.

Es war Paulus, der angefangen hat, die "Heiden", also die Nichtjuden, zu missionieren, man kann also allenfalls ihn dafür verantwortlich machen, daß es zu dieser Umdeutung kam. Paulus ist Jesus zu Lebzeiten nicht begegnet, er behauptete lediglich, den auferstandenen Jesus gesehen zu haben. Und Paulus' Lehre ist bei den Urchristen, die Jesus noch selbst gekannt hatten, keineswegs auf ungeteilte Zustimmung gestoßen. Ungefähr 15 Jahre nach Jesu Tod kam es zum Apostelkonzil, in dem diese unterschiedlichen Ansichten aufeinander geprallt sind. Paulus will von der Betonung des (jüdischen) Gesetzes weg und betont den Glauben, durch den letztlich auch der nichtjüdische Gläubige zum Erbe Abrahams wird, und somit den "echten" Juden ebenbürtig (siehe Galaterbrief). Aber auch das heißt nicht, daß man allen Menschen gegenüber gleichermaßen zur Mitmenschlichkeit verpflichtet wäre. Es wird immer noch ein Unterschied gemacht zwischen dem Gläubigen und dem Nichtgläubigen. Im Römerbrief heißt es zwar man solle auch seinen Feind speisen, wenn er hungert, aber nicht aus Mitmenschlichkeit, sondern weil man dadurch "feurige Kohlen auf sein Haupt sammelt". Ich würde das eher taktisches Kalkül nennen. Das alles gefiel den in Jerusalem verbliebenen Urchristen nicht, die auf die jüdischen Gesetze einschließlich der Beschneidung wert legten.

Es ist eine interessante Frage, warum die Urchristen letztlich unterlegen sind, und sich Paulus' Richtung durchgesetzt hat, obwohl er doch viel weiter von der ursprünglichen Lehre des Jesus weg war. So wie ich das sehe, dürfte das in erster Linie daran gelegen haben, daß Paulus' Anhänger kaum in Jerusalem waren, und folglich seine Richtung auch kaum von der Zerstörung des Jerusalemer Tempels und der schlußendlichen Vertreibung der Juden aus Jerusalem nach dem Bar-Kochba-Aufstand betroffen war. Die Urchristen aus Jerusalem konnten sich zwar weitgehend in Sicherheit bringen, z.B. nach Pella östlich des Jordans im heutigen Jordanien, aber da sie inhaltlich und vom Auftreten her eher zu den Juden gerechnet wurden, hatten sie auch eher Probleme, als von den Juden getrennte Gruppe wahrgenommen zu werden. Und die Juden hatten gerade nach dem jüdischen Krieg von 66-70, und dem Bar-Kochba-Aufstand um 135, eine ziemlich schlechte PR, um das mit einem heutigen Begriff zu bezeichnen. Die Anhänger von Paulus hatten da sicherlich weniger Mühe, sich als etwas grundlegend Anderes darzustellen, also nicht als eine jüdische Sekte, sondern als eine neue Religion, die mit dem Judentum nicht viel zu tun hatte.

Wo wir gerade beim jüdischen Krieg, und dem Bar-Kochba-Aufstand sind: Das sind meiner Ansicht nach perfekte Beispiele dafür, wie der religiöse Fanatismus auch 1200-1500 Jahre nach Moses auf den von ihm gelegten Grundlagen fröhliche Urständ feierte. Die Sache hatte sich schon zu Lebzeiten von Jesus zusammen gebraut und ist dann im jüdischen Krieg erst recht explodiert. Die Sikarier könnte man wohl ohne große Übertreibung zu Vorläufern heutiger Selbstmordattentäter erklären. Sie haben Leute auf offener Straße und am hellichten Tag abgestochen, um sich dann in der Menge zu tarnen. Damals müssen ähnliche Ängste umgegangen sein wie heute. Ihr Fanatismus war gegenüber den heutigen Gotteskriegern durchaus konkurrenzfähig, sie hatten bloß nicht die Waffen, die es heute gibt. In Masada kann man noch heute die Festung besichtigen, in der sich noch über Jahre nach dem eigentlichen Kriegsende ein fanatischer Trupp verschanzt hatte, bis sie schließlich kollektiven Selbstmord begingen, als die Erstürmung der Festung durch römische Truppen unmittelbar bevorstand. Nach dem Bar-Kochba-Aufstand schließlich, in dem sich drei unterschiedliche jüdische Rebellenfraktionen noch bitter gegenseitig bekämpft haben sollen, als die Römer schon im Anmarsch waren, waren die Juden 500 Jahre lang aus Jerusalem verbannt, bis auf einen Tag im Jahr an dem sie den Verlust ihres Tempels beklagen durften (am heute noch bestehenden Mauerrest des Tempels).

Insoweit die jüdische Religion heute friedfertiger und in gewissem Sinn reformiert daher kommt, hat das zu einem wesentlichen Teil mit dem Schock zu tun, den sie in diesen Zeiten erlebt hat. Damals wurden die Juden in alle Himmelsrichtungen zerstreut und führten ein Leben in der Diaspora, bevor einige von ihnen 500 Jahre später nach der Eroberung durch die muslimischen Araber wieder nach Jerusalem zurückkehren konnten. Wenn man sich allerdings heute die Situation in Palästina ansieht, dann kann man kaum übersehen welchen Zusammenhang die jüdische Siedlerbewegung mit ihrem Vorbild Moses hat. Die radikalen Juden haben offenbar einen wachsenden Einfluß auf die Politik Israels, und sie sind eindeutig motiviert aus der alten biblischen Saga vom verheißenen Land, und von der göttlichen Verpflichtung, die fremden Völker daraus zu vertreiben. Man findet dort zwar heute keine Amalekiter, Kanaanäer und dergleichen mehr, die Siedler haben aber nicht die geringsten Probleme, die heutigen Palästinenser bzw. Araber damit zu identifizieren. Die Vorstellung ist offenbar, daß der Vernichtungs- bzw. Vertreibungs-Auftrag aus der Zeit von Moses auch heute noch gilt, und seine Erfüllung die Voraussetzung für das Kommen des Messias ist. Israelische Mehrheitsmeinung scheint das zwar bisher nicht zu sein, aber der Einfluß auf die konkrete Politik Israels ist unübersehbar, und hat auch so schon verheerende Folgen.

Aber auch die nicht so radikalen Juden sind bis heute ziemlich stark auf Abgrenzung aus. Das mag ihren Fortbestand in solch langen Zeiten der "Verbannung" und Zertreuung erst ermöglicht haben, aber ihre Religion ist dadurch eben auch bis heute nicht universalistisch. Man wird Jude in erster Linie durch Abstammung, und zwar über die mütterliche Linie. Mich irritiert das eher, denn ich sehe die Frage der Abstammung und Volkszugehörigkeit völlig getrennt von der Frage was jemand glaubt. Bei den Juden vermischt sich das bis fast zur Ununterscheidbarkeit. Ich frage mich da, was dann mit einem atheistischen Juden oder einem muslimischen Juden ist. Gibt's das? Wenn ja, ist es dann ein Jude oder nicht? Oder wird das unter den Teppich gekehrt? Irgendwie vorgesehen scheint dieser Fall nicht zu sein.

Der Islam schließlich, um die Runde voll zu machen, ist ebenfalls keine grundsätzliche Abkehr von den durch Moses gelegten Grundlagen, eher im Gegenteil. Die ursprüngliche Motivation scheint der reformatorische Impuls gewesen zu sein, die vorherrschenden Religionen des Judentums und Christentums von Irrlehren zu reinigen, die sie vom Ursprung entfernt haben. Beim Christentum wird insbesondere die zugegebenermaßen ziemlich obskure Trinitätslehre verhöhnt, die sich anscheinend nicht recht entscheiden kann ob sie nun monotheistisch sein will oder nicht. Mohammed scheint zumindest anfänglich vor allem an spirituell-religiöser Reinheit interessiert gewesen zu sein, an der Bekämpfung von Auswüchsen. Mit wachsendem Erfolg scheint er aber mehr und mehr dem Machtstreben und taktischen Zielen zu unterliegen. Manche "Offenbarungen" kommen seinen eigenen Interessen so offensichtlich zupaß, daß man unweigerlich denkt, er habe sie zu seinem Nutzen bestellt. Entsprechend wurden seine Interessen immer weltlicher, und die Botschaft militärisch-fanatisch.

Ich finde den Gedanken interessant, was wohl aus Jesus geworden wäre, wenn er nicht so früh gestorben wäre. Mohammed hatte seine erste Offenbarung in einem Alter als Jesus schon lange tot war. Jesus starb als er Anfang der 30er war, Mohammed wurde Prophet als Ergebnis einer Art Midlife-Crisis im Alter von etwa 40. Jesus hat nie erlebt daß seine Lehre nennenswerten Erfolg hatte. Er konnte zwar offenbar eine kleine Schar an Anhängern um sich versammeln, aber nennenswerte Macht konnte er nicht erringen, und kaum geriet er mit den Autoritäten in Jerusalem aneinander, wurde er auch schon hingerichtet. Er war in diesem Sinne Idealist bis zum Tod, und konnte gar nicht korrumpiert von Macht sein, denn dafür war nicht genug Zeit. Mohammed dagegen hatte zu seinen Lebzeiten so viel Erfolg, daß er mit seiner Anhängerschaft zu einem regionalen Machtfaktor wurde. Das hat deutliche Spuren in seiner Lehre hinterlassen. "Macht korrumpiert" lautet ein heutzutage wohlbekanntes bon-mot, vielleicht ist Mohammed ein Beispiel dafür. Hätte Jesus 30 Jahre länger gelebt, und eine ähnliche Erfolgsstory hingelegt wie Mohammed, ob er sich dann allmählich eine ähnliche Haltung zugelegt hätte? Wir werden es wohl nie erfahren. Im Ergebnis haben die Christen eine Religion, die auf einen (noch fast) jugendlichen Idealisten zurückgeht, und dann von Paulus stark verändert wurde, während der Islam das Erbe eines machtbewußten Schlachtrosses ist, der mit ähnlichem Idealismus gestartet war, aber unter dem Eindruck seines eigenen Erfolges zunehmend zum Eroberer (und in gewissem Maß auch Narzissten) wurde.

Entsprechend unterschiedlich war auch die weitere Entwicklung der neuen Religionen. Das Christentum brauchte 300 Jahre, um auch nur annähernd zu einer dominanten Position anzuwachsen. Schon zu Mohammeds Lebzeiten konnte sich der Islam über fast die ganze arabische Halbinsel verbreiten, und innerhalb weniger Jahrzehnte danach breitete er sich bis zum heutigen Tunesien und Afghanistan aus. Jerusalem wurde gerade mal 5 Jahre nach Mohammed's Tod erobert. Die Ausbreitung ging auf militärischem Weg, also nicht über das was wir heute Mission nennen würden, sondern über Eroberung. Das Christentum war in den ersten 300 Jahren eher eine Untergrundbewegung, die sich gegen ein gewisses Ausmaß an Feindseligkeit und Unterdrückung durchsetzen mußte. Erst als eine gewisse Machtposition erreicht war, fand weitere Verbreitung des Christentums auch in militärischer Form statt.

Auch das hat seine Folgen bis in die heutige Zeit. Die Idee des "Djihad" hatte von vorn herein eine militärische Facette, auch wenn man den Begriff genauso auch als einen inneren Kampf auffassen kann. Im Grunde bedeutet er beides, der innere und äußere Kampf gehen im Grunde Hand in Hand. Die Form der Verbreitung, die im Christentum als Mission daher kommt, also das Aussenden von Missionaren in die Fremde, um dort zu predigen und Anhänger zu gewinnen, ist für den Islam eher untypisch. In jüngerer Zeit gibt es diese Form der Mission aber verstärkt von den Salafisten aus Saudi Arabien, von wo auch viel Geld in den Bau von Moscheen im Ausland fließt. Das betrifft gar nicht so sehr uns hier in Europa, obwohl auch hierhin Gelder fließen, sondern wesentlich mehr noch die Förderung von salafistischen Gemeinden in anderen muslimischen Ländern, z.B. im Maghreb. Wer sich von salafistischen Umtrieben hier in Deutschland beunruhigen läßt, der sollte sich vielleicht klar machen, daß hier das gleiche Vorgehen vorliegt, wie es die christlichen Kirchen schon sehr lange in anderen Ländern betrieben haben. Die Lehre ist zwar sehr verschieden, das Vorgehen als solches könnten die Saudis aber durchaus von der katholischen Kirche abgekupfert haben. Vielleicht kann man sich so ein klein wenig vorstellen, welchen Effekt die missionarischen Bemühungen aus unseren Gefilden in anderen Teilen der Welt ausgelöst haben könnten.

Es ist nicht zu übersehen, daß auch heute der Begriff des Djihad von radikalen Moslems im militärischen Sinn verstanden wird. Und sie können sich darin durchaus auf Mohammed berufen. Die in diesem Zusammenhang von vielen Moslems geäußerte Überzeugung, es gehe beim Djihad um eine innere Anstrengung und Mission, nicht um äußere Eroberung, ist nicht mit Mohammeds Vorbild in Einklang zu bringen. Mohammed selbst und seine Nachfolger haben den Islam militärisch verbreitet, und genau das wollen die radikalen Moslems ebenfalls. Sie sehen diese Ur-islamische geschichtliche Phase als die Blütezeit des Islam, die es gilt wiederzubeleben. Die Vorstellung ist, daß der so wahrgenommene Niedergang des Islam und der Aufstieg des Christentums letztlich damit zusammen hängt, daß man im Islam verweichlicht ist, sich zerstritten hat, und die ursprünglichen Ziele aus den Augen verloren hat. Das meinen nicht bloß islamische Fundamentalisten, damit kann man auch bei eher gemäßigten Moslems punkten, wie man in der Türkei sehen kann, wo sich ziemlich viele Leute von der Aussicht auf einen Wiederaufstieg eines osmanischen Reiches begeistern lassen, die man beim besten Willen nicht den islamischen Radikalen zuordnen kann. Wenn man sich zugleich davon überzeugen läßt, daß das westliche Christentum degeneriert ist und den Zenit überschritten hat, dann kann man auf die Idee kommen daß die Gelegenheit günstig ist.

Auch hier ist klar, denke ich, daß es nicht um die egalitäe Akzeptanz und Gleichbehandlung aller Menschen geht, unabhängig davon was sie glauben. Der Islam ist da ziemlich klar: Es gibt keine Gleichberechtigung zwischen Gläubigen und Ungläubigen. Die Gläubigen sitzen in der ersten Reihe, die Ungläubigen werden toleriert, aber nicht zu gleichen Konditionen: Sie zahlen extra Steuern und haben nichts zu sagen. Vom Unglauben zum Glauben gibt's nur eine Einbahnstrasse: Rein geht ziemlich einfach, raus gar nicht. Die Abgrenzung ist nicht auf Volkszugehörigkeit oder Abstammung gegründet, aber vielleicht gerade deswegen so strikt. Zum Teil ist das wie der Kunstgriff von Paulus, der die symbolische Abstammung von Abraham, also die Zugehörigkeit zum auserwählten Volk, vom Glauben abhängig macht statt von der ethnischen Abstammung, der Unterschied zu Paulus liegt aber darin, wie man zu diesem Glauben kommt und welche Rolle dabei die freie Wahl hat.

Der Islam als die späteste Religion verwirklicht dabei den strengsten Monotheismus. Wo es bei Moses ein Monotheismus der Treue ist (andere Götter mag's zwar geben, sie sind für das auserwählte Volk aber tabu), ist er für die Christen ein durch die Trinität verwässerter existenzieller Monotheismus (es gibt keinen anderen Gott, aber der den es gibt existiert in drei verschiedenen Inkarnationen). Bei den Moslems schließlich gibt es nur einen Gott, und zwar nur in einer Form, die man sich aber nicht vorstellen kann.

Dabei wird klar daß es auch den Moslems sehr um Treue geht, denn Abfall vom Glauben wird drakonisch bestraft. Ginge es hier nur um wahr oder falsch, dann könnte man den Unglauben auch ganz entspannt sehen: Unglauben wäre ein Irrtum, den Schaden daraus hätte nur der Irrende, einen Gläubigen könnte das kalt lassen. Man bräuchte keine weltlichen Strafen oder Sanktionen, und könnte es Gott selbst überlassen, was er damit anzufangen gedenkt. Die extrem harte muslimische Reaktion auf den Abfall vom Glauben deutet darauf hin, daß es hier eigentlich um Untreue geht, und eben nicht um Wahrheit. In diesem Aspekt trifft sich die Sache wieder mit Moses. Der Unterschied besteht nur darin, wie man das auserwählte Volk definiert. Moses definiert es über den "Bund", der einen Volks-spezifischen Gottesglauben mit dem Versprechen auf ein verheißenes Land verbindet. Paulus spricht von einem "neuen" Bund, der über den Glauben konstituiert wird ohne daß es einer bestimmten Volkszugehörigkeit bedürfte. Mohammed unterscheidet sich in dieser Hinsicht nur wenig von Paulus.

Für mich wirken alle drei Religionen nicht wirklich universalistisch, denn alle fallen letztlich auf Abgrenzung zurück. Alle drei betonen auf ihre Weise den Unterschied zwischen denen, die dazugehören, und denen die außen vor sind. Die Kriterien dafür unterscheiden sich in Grenzen, die Konsequenzen in der Praxis sind aber über die Geschichte hinweg ziemlich ähnlich, und das heißt ziemlich gewalttätig. Ob man Mensch ist oder nicht spielt in der Praxis erheblich weniger Rolle als ob man dazugehört oder nicht. Der, der nicht dazugehört wird handfester Diskriminierung ausgesetzt. Und wird dafür selber verantwortlich gemacht.

Selbst die christliche Reformation, die dieses Jahr ihr 500stes Jubiläum feiert, hat daran allenfalls indirekt etwas geändert. Auch Luther hat nichts prinzipiell anderes als Mohammed im Sinn gehabt, nämlich die Reinigung des Glaubens von Auswüchsen und Korruption, die er in der römisch-katholischen Kirche sah. Anders als Mohammed hat er das Individuum und seine ganz eigene Beziehung zu Gott in den Mittelpunkt gestellt. Damit hat er dem Individuum zu einer geistigen und geistlichen Freiheit verholfen, die ihm selber sehr schnell ungeheuer wurde. Seine Einstellung den Bauernaufständen gegenüber ist ja bekannt, und auch seine Einstellung den Juden gegenüber gereicht ihm aus heutiger Sicht nicht zur Zierde. Hätte er erlebt, wie in seiner Nachfolge das freie Denken den Unglauben, sprich Atheismus befördert hat, hätte er bestimmt noch viel mehr mit seinem Erbe gehadert. Seine Tragik ist, daß man nicht zugleich das freie Denken und die individuelle Verantwortung betonen kann, und andererseits dagegen sein kann wenn eben diese Freiheit dann Ergebnisse hervorruft, die weit über das hinaus gehen, was man gutheißen mag. Auf diese Weise kann man zugleich dankbar sein für seine Leistung, und froh, daß man ihm heute nicht mehr begegnen muß.

Luther hat so den Humanismus möglich gemacht, aber er hätte ihn in der Form wie er sich dann herausgebildet und entwickelt hat, keinesfalls gut geheißen. Und es ist der Humanismus, dem wir das verdanken was man heute die abendländischen Werte, bzw. die abendländische Kultur nennt. Das Christentum einschließlich seiner protestantischen Ausprägung war dabei teils Katalysator, teils Hemmung, aber unter dem Strich mehr Hemmung. Das gilt bis heute.

Ich weiß nicht ob es denkbar ist daß dem Islam etwas Ähnliches widerfährt. Die Situation ist anders, und ich weiß nicht welche Umstände zusammen kommen müssen, damit sich der Islam so weit reformiert daß er den Atheismus zulassen kann. Das kann ja das Christentum kaum. Dabei geht es um nichts weniger. Gerade wenn es darum gehen soll, daß mehrere Religionen friedlich zusammen leben sollen, auch mit Ungläubigen, dann müssen alle Religionen so weit kommen daß sie sich nicht wirklich ernst nehmen, und zugeben können daß andere Ansichten nicht nur existieren, sondern legitim sind und gleichberechtigt, und daß ziviles Recht über den religiösen Vorschriften steht. Ich sehe nicht wie das mit diesen drei Religionen gehen soll. Mit dem Islam am wenigsten, aber auch die anderen beiden Religionen sind noch nicht wirklich so weit.

Donnerstag, 29. Dezember 2016

Uralte Geschichte

In letzter Zeit habe ich mich ein bißchen mit dem Altertum beschäftigt. Ein allgemeines kulturhistorisches Interesse habe ich sowieso, und in der aufgeheizten gesellschaftlichen Lage rund um die Flüchtlingsfrage wollte ich auch einen etwas distanzierteren Standpunkt finden, von dem aus man etwas klarer sehen kann wie die Lage ist, und wie das im Vergleich mit ähnlichen Situationen in der Geschichte aussieht. Das verhilft vielleicht auch zu einem etwas kühleren Kopf, das habe ich mir wenigstens davon versprochen.

Ich habe, glaub ich, genug zusammen getragen, was auch für Euch Leser interessant sein könnte, obwohl's mal wieder nicht um HiFi geht.

Die erste und vielleicht nützlichste Erkenntnis ist, daß wir keineswegs in einer einzigartigen, neuen Situation sind. Solche Konfrontationen um die Themen "Fremde im eigenen Land", "Flüchtlinge", "Religionskonflikte" und "Fanatismus/Terrorismus" hat es schon öfter gegeben, über Tausende von Jahren hinweg. Wäre doch seltsam wenn man daraus nicht etwas Gutes lernen könnte. Die Kehrseite der Medallie ist, daß dabei über die Jahrtausende sehr viel Blut vergossen wurde. Das macht die Lehren daraus umso wichtiger.

Die ältesten Beispiele gehen unvermeidlicherweise ins Religiös-Mythologische zurück. Das heißt wir können nicht sicher sagen was damals tatsächlich passiert ist. Wir haben nur eine vielfach überarbeitete Erzählung davon, die die Fakten so oft übermalt hat, daß sie bloß noch zu erahnen sind. Das ist aber vielleicht gar nicht so schlimm, denn es ist die Erzählung, die in diesen Fällen die Wirkung auf die Nachwelt entfaltet, und nicht die Fakten. Die Fakten verlieren sich in der Geschichte, die Erzählung bleibt. Da trifft sich die Sache witzigerweise mit unserer (angeblich) "postfaktischen" Mediengesellschaft. Auch da zählt die Erzählung mehr als die Fakten. Die Silbe "post-" ist gänzlich unangebracht, denn das Phänomen ist uralt. Jeder Prediger und Geschichtenerzähler der letzten 5000 Jahre hat es genutzt. Im Gegenteil ist die Betonung der Faktenlage die neuere, moderne Erscheinung, und die immer wieder überarbeitete und umgedeutete Erzählung die ältere Form. Das Post-Faktische ist eigentlich das Prä-Faktische.

Wer im Altertum nach Beispielen für unser Themenfeld sucht, kommt praktisch unmittelbar auf die biblische Geschichte vom Auszug aus Ägypten und der damit zusammenhängenden Gründung des "Bundes" zwischen dem jüdischen Gott und seinem Volk, mit der Figur des Moses im Zentrum. Diese Geschichte kennen die meisten von Euch bestimmt, schon weil sie immer wieder verfilmt worden ist. Leider finde ich die allermeisten dieser Verfilmungen (wenigstens die, die ich kenne) so tendenziös, daß sie schon eher der Kategorie der Propaganda zugerechnet werden müssen. Ich kann nur empfehlen, sich mit dem biblischen Text möglichst unbelastet und unvoreingenommen direkt zu beschäftigen. Das ist weniger mühsam als man wegen der seltsam altertümlichen Sprache erwarten würde.

Die Geschichte wird im zweiten Buch Mose erzählt, das deswegen auch "Exodus" heißt. Im Grunde ist es die Geschichte der Gründung der jüdischen Religion, und weil aus der jüdischen Religion viele Jahrhunderte später zuerst die christliche, und dann die muslimische Religion hervorgegangen sind, ist es im Grunde die Ursprungslegende aller drei Religionen. Damit sollte die enorme Relevanz dieses Textes klar sein, gerade auch heute und für unser Thema, obwohl die dort beschriebenen Ergeignisse, so weit sie überhaupt geschehen sein sollten, mehr als 3000 Jahre zurück liegen.

Der geschichtlich durchaus reale Hintergrund ist, daß auf dem Territorium der damaligen Hochkultur Ägyptens, im östlichen Nildelta, eine Gruppe von nicht-ägyptischen Einwandereren lebte, die als die "Hyksos" bekannt geworden sind (eine griechische Wiedergabe eines ägyptischen Wortes). Fremde also, von denen vermutet wird, daß sie von Nordosten her in das Nildelta eingewandert sind, als Folge eines Migrationsdrucks, der letztlich von indogermanischen Wanderungsbewegungen ausging. Diese Hyksos werden mit den späteren Israeliten identifiziert, deren Auszug aus Ägypten dann im Buch Exodus erzählt wird.

Diese Erzählung versucht den Eindruck zu erwecken, die Israeliten (Hyksos) wären von den Ägyptern unterdrückt worden, und wären schließlich unter Moses befreit worden, woraufhin sie sich wieder zurück nach Nordosten bewegt hätten, um dort im "verheißenen Land" zu siedeln. Die geschichtliche Faktenlage sieht aber wohl eher so aus als wären sie über geraume Zeit die Herrscher in Ägypten gewesen, und schließlich von dort vertrieben worden. Die biblische Erzählung stellt das auf den Kopf, was psychologisch gar nicht so unwahrscheinlich ist, denn dadurch wird immerhin eine Niederlage zu einem Sieg umgedeutet.

Ob sie nun rausgeschmissen wurden oder selber gegangen sind, es ist der Auslöser für eine Legendenbildung, und für die Herausbildung einer neuen Religion gewesen. Die jüdische Religion basiert in diesem Sinne auf Flucht und Vertreibung. Im jüdischen Selbstverständnis ist diese Grundlage bis heute prägend, der jüdische Gott wird als Befreier von der ägyptischen Unterdrückung verstanden, und im religiösen Schrifftum der Juden wimmelt es von Bezugnahmen darauf. Im positiven Sinne wird dadurch immer wieder daran erinnert, daß die Juden selbst Flüchtlinge vor Unterdrückung sind, und somit Verständnis und Rücksicht für andere Flüchtlinge aufbringen sollen.

Die Kehrseite davon ist aber die Abgrenzung. Die Etablierung eines Bundes zwischen dem jüdischen Gott und seinem Volk, mit der Forderung absoluter Loyalität, ist in dieser Form ein Novum in der Geschichte. Bei anderen Religionen aus dieser Zeit findet man keinen solchen Bund, die Götter wurden als Fakt betrachtet, Loyalität hatten diese Götter gar nicht nötig, im Zweifel hatten ohnehin nur die Menschen den Nachteil, die Götter haben nichts zu verlieren. In Ägypten forderte der Pharao Loyalität für sich selbst ein (wurde aber immerhin gottgleich verehrt). Der jüdische Gott wird dagegen als eifersüchtig und rachsüchtig dargestellt. Moses und Andere verhandeln sogar mit ihm und schaffen es manchmal, seinen Furor zu besänftigen.

Das wird manchmal als die Geburt des Monotheismus bzw. der monotheistischen Religionen angesehen, aber man sollte sich das genauer ansehen: Es geht gar nicht darum ob es andere Götter gibt oder nicht. Über weite Strecken sieht es im biblischen Text eher so aus als würde auch Gott selbst die Existenz anderer Götter einräumen. Das Gebot der Ausschließlichkeit gilt nur für sein Volk. Es ist also keine Aussage über Existenz oder Nichtexistenz anderer Götter, es ist die Forderung nach Loyalität oder Treue an sein eigenes Volk. Die Aussage ist nicht: "Es gibt keinen anderen Gott!", sondern "für Euch hat es gefälligst keinen anderen Gott zu geben!"

Darum geht es bei diesem "Bund" zwischen Gott und seinem Volk: "Ihr glaubt an mich und NUR an mich, und dafür gebe ich Euch Euer gelobtes (=versprochenes) Land". Das ist ein Bund nicht nur "für" etwas, sondern auch einer "gegen" etwas, er richtet sich nämlich gegen die bisherigen Bewohner dieses Landes, und gegen ihre Götter (die als Götzen verunglimpft werden). Das hat unappetitliche Konsequenzen: Die betreffenden Völker, die dort sitzen wo die Israeliten hin wollen, werden zum Abschuß freigegeben. Die Sprache und der Eifer, mit dem das immer wieder eingehämmert wird, hat genozidale Züge. Diese Völker sollen ganz wörtlich ausgerottet werden, und der Angehörige des "Gottesvolkes" erregt Gottes Zorn, wenn er dabei nicht maximal konsequent und unemotional vorgeht, und es versäumt, alle abzuschlachten, denen er habhaft werden kann.

Ich überlasse es Euch, für diese Blaupause weitere Beispiele in der nachfolgenden Geschichte zu suchen. Ich beschränke mich auf den Hinweis, daß es über die vielen Jahrhunderte offenbar etliche gegeben hat, bis in unsere unmittelbare Vergangenheit und Gegenwart.

Sehr prägnant tritt das hervor in der Episode, wo Moses die Gesetzestafeln bekommt, mit den zehn Geboten drauf. Es ist eine meiner Lieblingsgeschichten in der ganzen Bibel, weil sie so zentral für gleich drei Weltreligionen ist, und weil sie sehr plastisch vor Augen führt, was an diesen Religionen so problematisch ist. Die Rahmenhandlung ist wohlbekannt und schnell erzählt: Moses kommt mit seinem Volk auf der Wanderschaft nach dem Auszug aus Ägypten an den Berg Sinai, und während das Volk am Fuß des Berges lagert, steigt er hinauf und erhält dort von Gott zwei Steintafeln, auf denen die zehn Gebote aufgeschrieben sind. Während er weg ist, wird das Volk unruhig und macht sich ein goldenes Kalb als Götterbild, das es anbetet. Als Moses vom Berg herunter kommt und das sieht, zerschmettert er die Steintafeln und tobt. Er zerstört das goldene Kalb, und läßt seine loyalsten Kräfte, die Leviten, bewaffnet durch das Lager ziehen und -- mehr oder weniger willkürlich -- 3000 Leute abschlachten.

Die zehn Gebote, die auf diese gruslige Art und Weise in die Welt gekommen sein sollen, gelten unter Religiösen als eine Art Grundlage für alle Moral. Wie ironisch, daß gerade die Grundlage von Moral auf eine derart unmoralische Art und Weise gelegt worden sein soll! Das läßt sich in alle möglichen Richtungen interpretieren, auch solche die für die Religionen alles andere als schmeichelhaft sind. Zum Beispiel fällt mir ins Auge, wie ähnlich das doch den Umtrieben des islamischen Staates heutzutage ist. Du betest den falschen Gott an? Rübe ab! Sogar das Schwert, heute als Kriegswaffe denkbar ungeeignet, hat hier ein Comeback: Der IS demonstriert eine blutige Form der Nostalgie, wenn er das gleiche Mordinstrument benutzt, das mehr als 3000 Jahre zuvor auch schon die Leviten für den gleichen heiligen Zweck benutzt haben sollen. Die Parallele findet ihre Fortsetzung im Eifer, mit dem der IS religiöse Kultobjekte anderer Glaubensrichtungen zerstört. Da sind sie ganz bei Moses und seinem Umgang mit dem goldenen Kalb.

Diese zehn Gebote sehen für mich übrigens wie eine Mogelpackung aus, wie ein schlauer Trick, der ärgerlicherweise bis heute zu funktionieren scheint. Die Gebote bestehen nämlich aus zwei Teilen, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben müßten, die aber durch das Zusammenfügen in einem Kanon als zusammengehörig dargestellt werden. Die ersten paar Gebote unterscheiden sich von den restlichen durch zwei Dinge: Erstens drehen sie sich um die Gottesanbetung und seine Ausschließlichkeit, während die anderen Gebote die zwischenmenschlichen Beziehungen regeln. Zweitens sind sie viel ausführlicher als die restlichen Gebote. Der erste Unterschied soll wohl bedeuten, daß die auf Gott bezogenen Gebote wichtiger sind als die anderen, weil sie zuerst kommen. Der zweite Unterschied deutet an, daß die sich auf das Zusammenleben beziehenden Gebote nicht groß erklärt werden müssen, die auf Gott bezogenen dagegen schon. In der Tat sind die auf Gott bezogenen Regeln neu, aber die auf das menschliche Zusammenleben bezogenen Gebote wohl auch damals schon ein alter Hut gewesen. Daß man nicht lügen, betrügen, stehlen oder morden soll, wird den Leuten auch damals nicht fremd gewesen sein, denn immerhin kamen sie aus Ägypten, einem gut organisierten Staatswesen, einer Hochkultur. Wenn man diese Selbstverständlichkeiten mit den Geboten zur Anbetung des einen, ausschließlichen Gottes verbindet, was gerade damals überhaupt keine Selbstverständlichkeit war, dann ist das ein Trick um die Selbstverständlichkeit des Einen auf das Andere zu übertragen.

Die Geschichte macht auch deutlich, wie falsch gerade das Gebot "Du sollst nicht töten" heutzutage verstanden wird. Wenn ausgerechnet derjenige, der die Gebote direkt von Gott empfangen hat, kurz danach einen Massenmord anordnet, und zwar angeblich auf Gottes Geheiß, dann muß man sich schon überlegen was das eigentlich zu bedeuten hat. Offenbar gilt das Tötungsverbot nur innerhalb derjenigen Gruppe, für die der erwähnte "Bund" gilt. Gegenüber Andersgläubigen, auch solchen aus der eigenen Gruppe, gilt das Gegenteil: Die Verpflichtung, sie auszurotten. Wer aus dem "Bund" ausschert, hat sein Lebensrecht verwirkt. Kann man da wirklich behaupten, die Gotteskrieger des IS, oder der Taliban, oder welcher sonstigen radikalen Sekte auch immer, verstünden die Religion falsch? Hat Moses die Religion falsch verstanden?

Mir kommt es vor diesem Hintergrund eher so vor als verstünden diejenigen die Religion falsch, die man heute immer wieder als Religionsvertreter in den Medien vorgeführt kriegt. Diejenigen, die einem zu erklären versuchen, ihrer Religion, sei es nun der Islam in einer seiner vielen Formen, das Christentum in einer seiner vielen Konfessionen, oder das Judentum, ginge es vor allem um den Frieden und die Gewaltlosigkeit. Ich kaufe es ihnen ja gerne persönlich ab, und es stimmt auch daß sich in diesen über 3000 Jahren etwas getan hat, neue Propheten und neue Lehren, aber wie kann man die Wurzeln der eigenen Religion so verleugnen, und geradezu ins Gegenteil verkehren, zumal man ja klar vor Augen hat daß diese Wurzeln auch heutzutage ihre tödlichen Konsequenzen haben? Der friedfertige Anspruch ist ja nobel, aber daß er sehr weit von der Realität entfernt ist, liegt nicht daran, daß so viele Leute die Religion so verhängnisvoll mißverstehen, sondern daran, daß dieser Anspruch mit dem Kern und Ursprung der Religion in Konflikt ist. Der Fehler liegt sozusagen im System. Seit Anfang an.

Das führt zu enormen kognitiven Dissonanzen, bzw. zu Dissoziationen. Die Einen, die Friedfertigen, blenden den gewalttätigen und intoleranten Kern ihrer Religion aus. Die Anderen, die Eiferer, blenden den friedfertigen Teil ihrer Religion aus, und widmen sich der Herstellung dessen, was sie als göttlich gebotene Glaubenshygiene empfinden. Beide verstehen einander nicht einmal ansatzweise, und doch meinen sie die gleiche Religion zu repräsentieren.

Wenn ich z.B. noch einmal auf den Auszug der Israeliten aus Ägypten zurück blicke, dann fällt mir auf, daß die Israeliten, wo sie einmal Abstand von den Ägyptern gewonnen haben, keineswegs ihren Völkermord-Eifer auf die ehemaligen Unterdrücker richten (die, wie oben beschrieben, gar nicht ihre Unterdrücker waren), sondern auf andere Völker, auf deren Land sie es abgesehen hatten. Ein Haß auf die Ägypter wäre ja vielleicht noch nachvollziehbar gewesen, aber dieser Gegner war wahrscheinlich zu stark, und zu beeindruckend in seiner kulturellen Dominanz. Stattdessen richtet sich ihr Furor gegen kleinere Völker, die einfach nur das Pech hatten, dort zu wohnen wo die Israeliten hin wollten. Die vielleicht sogar an guter Nachbarschaft interessiert gewesen wären, aber zu schwach waren um die Israeliten in Schach zu halten. Und diese krasse Ungerechtigkeit wird so arrogant wie mitleidlos mit einem göttlichen Auftrag und Versprechen gerechtfertigt. Damals wie heute gehen Dissoziation, Realitätsverlust, Empathieverlust und göttlicher Auftrag Hand in Hand.

Wieder denke ich an den IS. Eigentlich richtet sich sein Hass auf die westliche Kultur, allem voran auf die USA als ihr erster Repräsentant. Aber der ist zu groß um ihn direkt anzugreifen. Stattdessen wütet man z.B. gegen Jesiden, die zwar niemandem etwas angetan haben, aber dafür zu ihrem Pech dort saßen, wo der IS hin wollte. Und die zu schwach waren, um dem IS Paroli bieten zu können. Auch da Dissoziation ohne Ende. Der IS will dem Islam gegen den als christlich dargestellten Westen zum Durchbruch verhelfen, aber in der Praxis bringt er vor allem Moslems um. Leute werden geworben, indem man ihnen suggeriert sie erfüllten Gottes Auftrag, und dann benutzt man sie als Kanonenfutter. Je größer die Ambition, desto größer der Betrug.

Auch interessant: In der biblischen Erzählung gleich zu Anfang des Buches Exodus scheint durch, daß die ägyptische Unterdrückung der Israeliten dadurch hervorgerufen worden sei, daß die Israeliten so fruchtbar gewesen waren, daß ihre Menge den Ägyptern anfing, Angst zu machen. Es entstand angeblich die Sorge, die Israeliten würden sich im Ernstfall nicht loyal zu Ägypten verhalten, sondern könnten sich mit einem Feind verbünden. Durch die Belastung der Israeliten mit Arbeitsdiensten sollte deren Vermehrung begrenzt werden, was mißlang und die Ängste vergrößerte, bis hin zu einem angeblichen Pharao-Befehl, die israelitische Nachkommenschaft zu töten. Moses entging dem durch seine Aussetzung als Säugling auf dem Nil. Auch dieses Motiv sollte uns heute bekannt vorkommen. In dieses Horn der "demographischen Gefahr" haben seit Thilo Sarrazin viele Protagonisten aus dem rechten Spektrum geblasen. Die Furcht der Ägypter aus dem 2. Buch Mose scheint heute auch viele Deutsche erfaßt zu haben. Ihre vermeintliche Lösung läuft auf dasselbe hinaus: Exodus.

Dabei ist eine interessante aber wohl unbeantwortbare Frage, wo hier das Huhn und wo das Ei zu verorten ist. Einerseits kann man den Eindruck haben, daß die Ängste der Ägypter ihre Berechtigung hatten, denn die Israeliten haben sich ja nach ihrem Auszug sehr scharf abgegrenzt. Daß sie Ägypten gegenüber im Zweifelsfall loyal gegenüber gewesen wären scheint unter diesem Vorzeichen unwahrscheinlich. Andererseits kam es zur scharfen Abgrenzung ja erst nach dem Auszug, also quasi als Reaktion auf den Rausschmiß. Es waren ja die Ägypter, die den Israeliten erst das Leben schwer gemacht hatten. Warum hätten sie da noch loyal sein sollen? Hat also das Mißtrauen die Spaltung verursacht, oder die Spaltung das Mißtrauen?

Je nachdem wie rum man hier die Kausalität diagnostiziert, kommt man entweder auf ein Argument pro Multikulti, oder kontra Multikulti. Das Pro-Multikulti-Argument versucht, das Problem so zu lösen daß man durch Integration eine Spaltung, auch eine demografische Spaltung, im Ansatz zu vermeiden versucht, und so auch das Entstehen von Mißtrauen verhindert. Das Kontra-Multikulti-Argument geht vom Mißtrauen aus, und versucht die Spaltung nicht zu verhindern, sondern zu kontrollieren. So oder so muß man sich mit der Möglichkeit auseinander setzen, daß durch die Gegenmaßnahmen das Problem erst recht virulent wird, und der Schuß sozusagen nach hinten los geht.

Vor lauter Parallelen über die Jahrtausende hinweg ist es aber auch an der Zeit, daß ich auf etwas hinweise was heute wirklich fundamental anders ist als in den Jahrhunderten zuvor: Wir haben jetzt Menschenrechte. Das Konzept, daß unabhängig von der Volks- oder Religionszugehörigkeit jeder Mensch die gleichen grundsätzlichen Rechte hat, einfach weil er ein Mensch ist, das gibt's bei den Religionen nicht. Auch nicht bei den Christen, selbst wenn sie oft so tun als hätten sie's erfunden. Es wäre sonst auch kaum plausibel zu machen, warum die Christen 1900 Jahre gebraucht haben, um auf diese Idee zu kommen. Vorläufer hatte diese Idee natürlich in diversen Religionen und Kulturen, aber die eigentliche Vaterschaft dieser bahnbrechenden Neuerung gebührt dem Humanismus, und der steht erst einmal im Gegensatz zu den Religionen.

Wenn wir von unseren westlichen Kultur reden, so zweifelhaft und vage der Begriff auch sein mag, dann meinen wir damit zuvorderst dieses Konzept der Menschenrechte. Das bedeutet auch, daß es dabei eben nicht um das christliche Abendland geht, oder um die christlich-abendländische Kultur. Das Christliche gehört hier nicht rein, es hat sich reingemogelt. Die Christen waren zu einem großen Teil gegen die Menschenrechte. Wozu braucht man die auch, wenn man die göttliche Erlösung hat? Und wer sie nicht hat, weil er das Falsche glaubt, dann stehen ihm die Menschenrechte auch nicht zu, nicht wahr? Er kann dann nur auf die göttliche Gnade hoffen. Aber auch nicht zu sehr, denn er hat ja schließlich schwere Sünden zu büßen...

Wenn mein Text hier deutlich gemacht hat, wie weit das, was wir heute an religiös motivierter Barbarei erleben, auf die Wurzeln der Religion zurück geht, und nicht auf ein Mißverständnis der Religion, und wenn klar wird daß das für alle beteiligten Religionen gilt, und demzufolge kein Anlaß für eine der Religionen besteht, sich für die bessere zu halten, dann habe ich viel erreicht. Zu oft wird nämlich der Eindruck erweckt, als stünde hier eine richtige und eine falsche Religion gegenüber, oder ein richtiges und ein falsches Religionsverständnis. Dabei haben sie den eigentlichen Fehler alle gemeinsam.

Und noch was: Ich war mal wieder zu faul, Links herauszusuchen und zu setzen. Ich hätte viele setzen können, aber eigentlich reicht es, wenn Ihr die Quelle selber lest, z.B. das zweite Buch Mose. Versucht Euch von der kirchlichen Lesart frei zu machen, und unvoreingenommen an die Sache heran zu gehen. Das kann verblüffend schwer sein, wenn man von Kind an auf eine bestimmte Lesart getrimmt worden ist. Wem sich der Magen rumdreht beim Gedanken, daß Moses das antike Ebenbild eines Abu Bakr al-Baghdadi sein könnte, der hat es vielleicht mit so einer Vorprägung zu tun.

Montag, 31. Oktober 2016

Der ganz normale Wahn

esotroner ist Schuld. Ich wollte mich eigentlich nicht zu sehr reinziehen lassen in diese Thematik um die Flüchtlinge (esotroner würde sagen: Invasoren) und die sich darum rankenden Verschwörungstheorien, aber er weiß wo er mich packen kann: Er meint ich hätte keine Argumente und keine Fakten parat.

Ich weiß es wird bei ihm nichts nützen, aber ich will es wenigstens nicht so aussehen lassen als hätte er damit recht.

esotroner verlinkt auf den Youtube-Kanal namens "Reconquista Germania" von einem Typen der sich Nikolai Alexander nennt, wo man Videos findet, die einem z.B. erklären, wer "wirklich" hinter der Flüchtlingswelle steckt (die US-Hochfinanz, z.B. George Soros). Das findet esotroner "absolut schlüssig".

Ich verstehe zwar nicht wie man solchen eindeutig demagogischen Machwerken auch nur einen Hauch von Schlüssigkeit attestieren kann, es sei denn man ist dem Wahn verfallen, aber ich will wie gesagt nicht so dastehen als hätte ich keine Fakten und Argumente auf meiner Seite. Also quäle ich mich durch diesen Scheißdreck, um ihn auseinander zu nehmen. Ich beziehe mich speziell auf das Video mit dem Titel "Wer steuert die Flüchtlingsinvasion?" vom 29. September 2015.

Alexander redet nicht lange darum herum: Er ist der Ansicht, bei der Flüchtlingswelle handle es sich um eine Invasion, bei einem guten Teil der Flüchtliche um Eroberer. Untermalt von Bildern von unbewaffneten, teils recht abgerissen wirkenden Zivilisten, die sich scharenweise in Marsch gesetzt haben, wirkt das unfreiwillig komisch. Invasionstruppen hatte ich mir bisher anders vorgestellt, mit Waffen und in Uniformen, so wie das in der Vergangenheit war. Man kann sich ja zur Vergewisserung, daß einen die Erinnerung nicht trügt, ein paar Videos von der Invasion Polens durch die deutsche Wehrmacht zu Beginn des zweiten Weltkriegs ansehen. Oder wenn einem das zu sehr an die Volksseele geht, vielleicht die Invasion der Alliierten an der Atlantikküste ein paar Jahre danach. Vielleicht hätte denen damals jemand sagen sollen, daß das alles viel einfacher geht, wenn man unbewaffnet und im T-Shirt kommt.

Nur: Warum es sich um Eroberer und Invasoren handeln soll, und nicht um das was es allem Anschein nach ist, nämlich Flüchtlinge, das begründet er nicht. Für mich sehen die Leute in seinen Videoschnipseln aus wie Flüchtlinge eben aussehen. Wenn es Invasoren sein sollten sind sie gut verkleidet.

Es ist auch keineswegs mysteriös warum die alle gerade im vergangenen Jahr bei uns angekommen sind. Alexander stellt sich hier weitaus dämlicher als er ist. Wer sich nur ein klein wenig informiert hat, für den war der steile Anstieg der Flüchtlinge im Sommer 2015 keine Überraschung. Das war eine Krise mit Ansage. Da sind einige Faktoren zusammen gekommen, die sich schon länger zusammengebraut haben, und das ist auch wohlbekannt:
  • Die Flüchtlingslager um Syrien herum waren chronisch unterfinanziert, sogar die Essensrationen mußten von der UN wegen Unterfinanzierung zusammengestrichen werden. Die meisten Länder in der EU waren offensichtlich der Ansicht, das ginge sie nichts an, und die syrischen Nachbarstaaten würden das schon hinkriegen. Zudem hat der sich in die Länge ziehende Syrienkrieg dazu geführt, daß Leute, die zuerst dachten sie müßten nur ein paar Monate in Lagern in der Nähe überdauern, sich darauf einstellen mußten, daß sie auf unabsehbare Zeit nicht zurückkehren können. Da fängt man automatisch an, sich über Alternativen Gedanken zu machen, auch wenn sie gefährlich sind.
  • Die Umwälzungen des arabischen Frühlings haben nicht bloß Syrien betroffen, sondern auch andere arabische Länder, und natürlich gab's aus allen betroffenen Ländern Leute mit gutem Grund zu fliehen. Jeder der auch nur ansatzweise versucht, sich in ihre Situation zu versetzen, wird das problemlos nachvollziehen können.
  • Libyen hat zu Ghaddafi's Zeiten die Flüchtlinge aus Schwarzafrika noch zurückgehalten, die schon damals auf dem Weg nach Norden waren. Schon seit vielen Jahren befinden sich an der afrikanischen Mittelmeerküste zahlreiche Flüchtlinge, die auf ihre Chance warten, nach Europa zu kommen, und denen es auch immer wieder gelingt. Siehe z.B. die Grenzbefestigungen der spanischen Exklaven in Marokko: Ceuta und Melilla. Mit der Beseitigung des unterdrückerischen Ghaddafi-Regimes eröffnete sich ihnen eine neue Möglichkeit über das Mittelmeer.
  • Wo eine Nachfrage nach Schleusern ist, da entwickelt sich auch ein Angebot. Wer weiß wie viel Geld die Leute für eine Schleusung bezahlen, der braucht keine Theorien mehr zu entwickeln welche Hochfinanz oder welches Establishment die Flucht finanziert haben könnte. Es sind die Flüchtlinge selbst. Und es ist ein einträgliches Geschäft.
  • Wo immer sich ein funktionierender Fluchtweg zu ergeben scheint, wird er sich in Windeseile herumsprechen. Dafür sorgen schon die Schleuser und die moderne Telekommunikation. Und die Schleuser werden im Interesse ihres Geschäfts alle möglichen Versprechungen machen, aus denen dann natürlich Erwartungshaltungen werden, mit denen wir uns hier herumschlagen müssen. Ist das so überraschend?
  • Das EU-Flüchtlingssystem (Dublin in seinen diversen Stufen) war untauglich für solch einen Andrang. Das war ebenfalls im Vorhinein klar und ist von Institutionen, die sich damit auskennen, auch so vorhergesagt worden. Konkret hätte Italien einen großen Teil der Lasten zu tragen gehabt, denn dessen Boden betraten die Flüchtlinge zuerst, die aus den Booten gerettet wurden. Es ist absolut verständlich, daß Italien das als unfair empfinden, und bei ausbleibender Solidarität irgendwann hintertreiben würde. Ich erinnere an die Aktion "Mare Nostrum", die Italien selbst finanziert hat, und die dann von der EU-Operation "Triton" ersetzt wurde, die aber weniger als ein Drittel der Mittel erhielt, und keine Seenotrettung auf hoher See mehr vorsah.
  • Die unverantwortliche und unwirksame EU-Flüchtlingspolitik hat in immer größerem Ausmaß EU-Bürger mobiliziert, die es unerträglich und inhuman fanden, die Flüchtlinge in großer Zahl im Mittelmeer umkommen zu lassen. Besonders nachdem immer deutlicher wurde, daß die EU bzw. deren Mitgliedstaaten eher daran interessiert waren, die Flüchtlinge fernzuhalten, und ihren Tod im Mittelmeer in Kauf zu nehmen, anstatt wirksam gegen die Fluchtursachen und/oder die Fluchtgefahren vorzugehen.
Und dann kommt es eben irgendwann zum Dammbruch, und die Folge eines Dammbruchs ist immer eine große Welle. Ich habe da keinerlei Bedarf, nach Gründen im Verborgenen zu suchen, so wie es Alexander offenbar hat. Die Gründe liegen offen zutage. Es braucht keine Verschwörung, damit es zu einer solchen Entwicklung kommt, es reicht schon wenn man die sich rechtzeitig einstellenden Anzeichen ignoriert.

Und was auch klar ist: Der Dammbruch gibt Trittbrettfahrern eine Gelegenheit, auf die sie gewartet haben. Auch hier stellt sich Alexander extra dumm, wenn er sich wundert warum aus dem Kosovo die Asylanträge 2015 in die Höhe geschnellt sind. Es ist völlig klar warum das so ist: Sie dachten die Gelegenheit ist günstig. Das mußte ihnen niemand einflüstern, da sind die schon ganz von selber drauf gekommen. Das hat auch nichts mit einer Invasion zu tun, sondern ist eine einfache Folge des Armutsgefälles zwischen dem Kosovo und der EU. Damit sich Leute zur Flucht aufmachen, müssen üblicherweise drei Dinge zusammen kommen:
  1. Prekäre Verhältnisse
  2. Mangelnde Hoffnung, daß sich diese bald bessern werden
  3. Eine Gelegenheit, bzw. eine Hoffnung auf eine solche, anderswo in der Welt.
Bei Leuten wie den Kosovaren, wo die ersten beiden Faktoren schon seit Jahren vorhanden sind, reicht das Hinzukommen des dritten, damit sie sich in Marsch setzen. Bei den Syrern sind die ersten beiden Faktoren erst im Laufe des mehrjärigen Konfliktes entstanden, deshalb standen sie nicht gleich vor unserer Tür. Es ist wirklich nicht schwierig, sich das zu überlegen, wenn man nur bereit ist, sich in die Situation der Leute hinein zu denken, statt sich in Verschwörungstheorien zu versenken.

Es ist auch nicht so daß ich das Gefühl hätte, mir wäre da von den Medien was verschwiegen worden. Ich bin immer recht problemlos an die Informationen heran gekommen, die mich interessiert haben. Daß Alexander sogar dunkle Machenschaften vermutet, bloß weil vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in den Statistiken nur die Top Ten der Herkunftsländer explizit dargestellt sind, ist einesteils kurios, andererseits genau das was man bei Verschwörungstheoretikern regelmäßig beobachtet. Die sind ohne weiteres in der Lage, dunkle Machenschaften schon dann zu vermuten wenn es mal drei Tage hintereinander regnet (kann das noch Zufall sein? Hat nicht der Bundespräsident in Indien gesagt, Regen sei willkommen? Wollen vielleicht die Amerikaner unsere Agrarwirtschaft schädigen? Alles Fragen, auf die uns die Lügenpresse eine schlüssige Antwort verweigert!)

So habe ich es trotz angeblicher Lügenpresse geschafft, mir von Anfang an klar darüber zu sein daß die Flüchtlinge nicht bloß von Syrien kommen, sondern auch aus anderen Ländern wo Krieg und Elend herrschen. Und daß aus Syrien "nur" 20% der Asylanträge gekommen sind, wundert mich auch nicht wenn ich sehe, daß die von Alexander gezeigte Statistik vom Juni 2015 ist, wo es mit der Welle erst gerade richtig los ging, und viele neu angekommene Flüchtlinge noch nicht mal erfaßt waren, geschweige denn Gelegenheit hatten, einen Asylantrag zu stellen. Der explosive Anstieg in 2015 ist daher mit den Kriegen in Syrien, Irak, etc. und dem arabischen Frühling sehr wohl zu erklären, genauso wie der starke Anstieg in 1992 eindeutig mit dem Balkankrieg zu tun hatte. Alexander münzt seine eigene Unfähigkeit zum Denken in eine abstruse Verdächtigung um, das müsse deswegen so sein weil die Leute angelockt wurden, ja sogar daß Politiker das Aussterben der deutschen Bevölkerung wünschen würden. Beweis: Ein Ausspruch Gregor Gysi's, den Alexander "sinngemäß" verfälscht hat.

Daß ein Teil der Flüchtlinge tatsächlich vor Krieg und Zerstörung fliehen, räumt Alexander ein, aber nur um schon im nächsten Satz die "Vernichtungspolitik der USA und der EU" dafür verantwortlich zu machen. Sonst niemand. Keinen Assad, keinen IS, keine Taliban, keine Muslimbrüder, kein Al Quaida. Nur USA und EU. Soll heißen: Die USA und die EU vernichten den nahen Osten, damit von dort haufenweise Leute zu uns fliehen, und hier den Untergang des Abendlandes herbeiführen. Ja sie locken die Leute extra dafür hierher. Logisch?

Wenn man sowieso glaubt, daß hinter allem Bösen die USA stecken, und daß einzig den "Qualitätsmedien" aus Russland zu trauen ist, dann erscheint einem das vielleicht wirklich als logisch. Nur hat man dann das kritische Denken schon längst an der Garderobe abgegeben.

Wobei, der Gedanke hat ja durchaus etwas absurd-komisches: Die USA haben schon seit Jahrzehnten auf deutschem Boden jede Menge militärische Ausrüstung, bis hin zu Atomwaffen. Sie wollen die EU und insbesondere Deutschland destabilisieren oder gar vernichten. Da liegt es doch nahe, nicht wahr, daß sie eine andere Weltregion angreifen, nur damit dann von dort Leute hierher kommen und uns destabilisieren. Die Waffen direkt hier vor Ort einzusetzen, das wäre viel zu einfach, stimmt's? Da wäre ja der ganze Witz raus. Und ist nicht der nahe Osten die allerbeste Wahl als Angriffsziel? Man hätte ja auch Russland angreifen können, das hätte die EU auch destabilisiert. Aber das wäre nicht so schön chaotisch geworden wie im nahen Osten.

So gesehen ist so eine Verschwörungstheorie ganz lustig. Bzw. wäre lustig, wenn sie nicht so unendlich dumpf wäre: Die USA sind immer schuld. So einfach ist das.

Sonntag, 18. September 2016

Wahrheit ist von vorgestern

Die Frage "Was ist Wahrheit?" ist der berühmteste Spruch des Pontius Pilatus in der Bibel, womit eine klassische philosophische Frage mindestens einmal in die Nähe des Zynismus gerückt wird, schließlich geht es in der Geschichte um eine Hinrichtung. Heutzutage scheint diese Frage aus der Mode gekommen zu sein, die aktuelle Frage scheint zu lauten: "Wozu überhaupt Wahrheit?"

Nun stand die Wahrheit schon seit dem Altertum nicht allzu hoch im Kurs, wenn es um "Realpolitik" geht. Es ist ja geradezu ein Kennzeichen von Realpolitik, wenn man es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, und eher nach der machtpolitischen Zweckmäßigkeit fragt. Das klingt negativ, geradezu unmoralisch, und Pontius Pilatus wurde demzufolge auch oft als Negativbeispiel eines Bösewichtes dargestellt, aber man kann es natürlich auch ganz anders sehen. So wie z.B. Machiavelli, der in seinem "Fürst" Folgendes schrieb:
"Da es aber meine Absicht ist, etwas Nützliches für den zu schreiben, der es versteht, schien es mir angemessener, der Wirklichkeit der Dinge nachzugehen als den bloßen Vorstellungen über sie. [...] denn es liegt eine so große Entfernung zwischen dem Leben, wie es ist, und dem Leben, wie es sein sollte, daß derjenige, welcher das, was geschieht, unbeachtet läßt zugunsten dessen, was geschehen sollte, dadurch eher seinen Untergang als seine Erhaltung betreibt."

Er empfiehlt daher einem Herrscher, je nach Notwendigkeit moralisch oder unmoralisch zu handeln. Das ist geradezu die Definition von Realpolitik. So gesehen hat Pilatus korrekt gehandelt. Er hatte es mit genug Aufrührern zu tun, und angebliche Messiasse gab es damals in Palästina im Dutzend billiger, da konnte es nicht schaden sich einiger davon zu entledigen, wenn das die Chance bot etwas Ruhe in die aufgeheizte Lage zu bringen. Er könnte sich gedacht haben: Lieber jetzt einen von ihnen hinrichten als ein Jahr später tausend Aufrührer militärisch niederschlagen zu müssen.

Auch Machiavelli lebte in unruhigen und gewalttätigen Zeiten, und seine Ratschläge an die Herrschenden sind vor diesem Hintergrund zu verstehen. Er wollte nicht einem Despoten dabei helfen die Bevölkerung zu tyrannisieren, sondern er wollte daß jemand gewinnt damit wieder friedliche Verhältnisse eintreten können, und nicht immer wieder kriegerische Horden über's Land ziehen und die Bevölkerung übel zurichten. Auch wenn das mit unmoralischen Mitteln einher geht ist's doch recht wenn dabei Frieden dabei heraus kommt. Wie das ausgehen kann wenn ein religiös inspirierter Prophet eine Art Gottesstaat errichtet, in dem quasi per Definition alles höchst moralisch zugeht, weil göttlich, konnte er am Beispiel seines Zeitgenossen Savonarola studieren, der nach wenigen Jahren auf dem Scheiterhaufen starb.

An solchen geschichtlichen Beispielen fällt einem unwillkürlich auf, wie es doch immer wieder aus den gleichen Gründen schief geht. Lernen aus früheren Fehlern scheint auch heute nicht in hohem Kurs zu stehen.

In den Zeiten von Pilatus braute sich unter den Juden ein religiöser Exzess zusammen, der nach Jesus erst so richtig Fahrt aufnahm, obwohl seine Anfänge schon vor Jesus zurück reichten. Die Zeloten insbesondere waren eine zunehmend militante, von Messias-Vorstellungen inspirierte Gruppe, die irgendwann dazu überging, Leute am hellichten Tag auf öffentlichen Plätzen abzustechen. Das mündete schließlich im Jüdischen Krieg, der mit der Zerstörung Jerusalems und des dortigen Tempels im Jahr 70 endete, ein gräßliches Blutbad. Eine Gruppe von Aufständischen verschanzte sich noch zwei Jahre länger auf der Festung Massada, bevor sie angesichts der bevorstehenden römischen Eroberung der Festung kollektiven Selbstmord begingen.

60 Jahre später ging's noch einmal los: Der Bar Kochba Aufstand brach aus. In Jerusalem hatten sich drei konkurrierende jüdische Fraktionen religiöser Eiferer verschanzt, und bekriegten sich noch gegenseitig, als schon die Römer die Belagerung vorbereiteten. Dabei sollen die Rebellen sogar gezielt die eigenen Nahrungsvorräte vernichtet haben, damit sie nicht einer konkurrierenden Fraktion in die Hände fallen. Das Ende war ein erneutes Blutbad, und im Ergebnis waren die Juden 500 Jahre lang aus Jerusalem verbannt, außer an einem Tag im Jahr an dem sie den Verlust ihres Tempels beklagen durften. Erst mit der Eroberung Jerusalems durch die muslimischen Araber im Jahr 637 änderte sich das wieder, und die Juden durften zurück nach Jerusalem.

Das Beispiel Savonarolas zeigt, daß das gleiche Prinzip auch bei den Christen wirkte, wobei man in der Geschichte des Christentums noch viele andere, schlimmere Beispiele finden kann. Man braucht eigentlich nur die Kreuzzüge zu erwähnen, die ja noch heute in den Köpfen sowohl einiger Moslems als auch einiger Christen herumspuken. Mit denen wollten die Christen das rückgängig machen, was im Jahr 637 passiert war. Genauso blutig wie erfolglos.

Wenn es heute die Moslems sind, die mit solchen Vorstellungen vom Gottesstaat letztlich doch wieder nur ein Blutbad nach dem anderen anrichten, so sieht man daran vor dem ganzen geschichtlichen Hintergrund eigentlich nur, daß sich die verschiedenen Religionen in dieser Hinsicht nicht viel schenken. Einmal bricht der Wahnsinn bei den einen aus, einmal bei den anderen. Immer wieder sind es endzeitliche Phantasien, sei es nun das Kommen eines Messias, oder ein herbeigesehnter "jüngster Tag", oder was auch immer: Es hat sich noch jedesmal herausgestellt, wenn man in den rauchenden Trümmern der zerstörten Städte steht und der Rausch ein Ende gefunden hat, daß es doch keine Erlösung gegeben hat, und sich die Welt einfach weiter dreht, allen Leichen und aller Zerstörung ungeachtet.

Was das nun mit Wahrheit zu tun hat? Nun, es sind Beispiele für deren Abwesenheit. Wo das Wunschdenken Amok läuft ist die Wahrheit unwillkommen. Wenn man sich vom Leben nichts mehr erwartet und die Endzeit herbeisehnt erst recht.

Und es scheint sehr viele Leute zu geben, die sich nichts mehr vom Leben erhoffen. Anders ist ihr Verhalten nicht zu erklären. Es geht mir dabei nicht bloß um die Leute, die sich freiwillig um einer fixen Idee willen in die Luft sprengen oder sich anderswie unter Mitnahme möglichst vieler "Ungläubigen" um die Ecke bringen. Es geht mir auch um diejenigen, die unverantwortlichen Populisten zujubeln, von denen sie ganz genau wissen, daß sie lügen, sobald sie den Mund aufmachen. Das tut man nur dann, wenn man denkt, es könne ohnehin nicht mehr schlechter werden als es schon ist, und deswegen eine Lust verspürt, hemmungslos auf die Kacke zu hauen, bevor dann unvermeidlicherweise alles in die Binsen geht.

Oder kann mir jemand einen anderen Grund nennen, warum man Populisten wie Donald Trump oder den Clowns von der englischen UKIP auch dann noch zujubelt, wenn ihre dreisten Lügen auch für den letzten Idioten offensichtlich geworden sind? Das kann doch nur eins bedeuten: Die Anhänger dieser Leute wissen daß das alles Lügen sind - und es ist ihnen egal. Es geht nicht darum was stimmt und was nicht. Es geht nur darum wer sich darüber aufregt. So lange sich das "Establishment" oder die "versifften Linken" darüber aufregen, lohnt sich auch noch die schwachsinnigste Lüge. Daß die halbe Welt an Trump's Erfolg verzweifelt, daß die EU durch den Brexit in Not gerät, daß die "Gutmenschen" geschockt sind, wieviel schierer Egoismus und Rassismus ihnen ins Gesicht schlägt: Alles geil, genau diesen Schockeffekt will man haben. Auf die Kacke hauen, je mehr es spritzt desto besser.

Irgendeine Verantwortung für das Danach hat man ja nicht, denn man rechnet nicht damit daß es ein Danach geben wird, wo man dann wieder mit den Leuten zu tun hat, die man zuvor mit voller Absicht zur Weißglut gebracht hat. Trump z.B. gibt sich alle Mühe, möglichst vielen Leuten auf den Schlips zu treten mit denen er als Präsident wieder irgendwie auskommen müßte. Man kann sich nicht recht vorstellen, daß er überhaupt ernsthaft Präsident werden will, denn auf diese Art macht er sich seinen womöglich zukünftigen Job praktisch unmöglich.

Kein Wunder, daß das auch die Theorie von Michael Moore ist: Trump wollte nie Präsident werden. Er dachte ohnehin nicht, daß er so weit kommen würde. Das Ganze war eher ein Publicity-Stunt, um ihm bessere Chancen auf einen guten Deal mit dem Fernsehen zu verschaffen. Er hat keinen Plan für den Fall daß er gewählt wird. Man hat eher den Eindruck, daß er sich alle Mühe gibt, so viele Leute wie möglich zu beleidigen, damit er nicht gewählt wird, was ihm paradoxerweise gerade zu mehr Popularität verhilft.

Den gleichen Eindruck gewinnt man im Fall des Brexit-Referendums: Die Brexit-Wahlkämpfer haben an ihren Erfolg selber nicht geglaubt. Für diesen Fall hatten sie keinerlei Plan. Deswegen haben sie sich erst einmal verpisst, als sie wider erwarten gewonnen hatten. Es ging gar nicht um's Gewinnen, sondern darum, dem Establishment an den Karren zu fahren, mit so viel Schmackes wie möglich, damit's ordentlich scheppert. Egal welcher Schaden dabei entsteht. Deswegen hat man auch hemmungslos gelogen, denn das provoziert am besten - vor allem wenn jedem klar ist daß es eine Lüge ist. Daß man hinterher irgendwie Verantwortung übernehmen soll, und den Weg aus dem Schlamassel weisen soll, welches man angerichtet hat, kam in den Überlegungen offenbar nicht vor.

Es gibt keinen Grund, zu glauben es würde anderswo, z.B. hier in Deutschland mit der AfD, oder bei den Franzosen mit der Front National, anders laufen. Die funktionieren alle nach dem gleichen Prinzip. Sie sind auf ihren eigenen Erfolg nicht vorbereitet, denn sie haben keinen positiven, konstruktiven Plan für "Danach". Sie würden sich im Fall des Falles darüber intern heillos zerstreiten, wenn das nicht sowieso schon der Fall sein sollte, außer es setzt sich eine einzige Person durch, die dem Ganzen ihren Weg aufzwingen kann. Ihr ganzer Erfolg beruht auf zwei Faktoren:
  • Einer Bevölkerungsschicht, die keine positiven Erwartungen an die Zukunft hat, und deswegen keine Hemmungen hat, destruktiv zu sein. Die nicht glaubt, in der gegebenen Lage irgend etwas wirklich verschlechtern zu können, und darum auch keine Verantwortung verspürt. Die im Gegenteil glaubt, je heftiger es kracht, desto eher kann daraus etwas Positives, Neues entstehen.
  • Ein verbliebenes Verantwortungsbewußtsein bei einem anderen Teil der Bevölkerung, der als das "Establishment" wahrgenommen wird. Dieses kann man herausfordern, verspotten, und letztlich zur Geisel nehmen. Je mehr sich die dagegen sträuben, ihre Verantwortung und ihre Menschlichkeit preiszugeben, desto mehr hat man sie am Nasenring und kann sie quälen. Es ist der gleiche Trick wie bei einem pubertären Teenager, der durch seine demonstrativ zelebrierte Verantwortungslosigkeit seine Eltern zur Weißglut treibt, wohl wissend daß sie ihn im Ernstfall nicht hängen lassen werden.
Man müßte sie eigentlich die Folgen ihrer eigenen Verantwortungslosigkeit spüren lassen, einesteils um ihnen die Folgen zu verdeutlichen, andererseits um ihnen zur Erkenntnis zu verhelfen, daß es wider ihrem Erwarten nach Ende des Gemetzels ein Danach gibt, in dem sie sich wieder mit denen arrangieren müssen, denen sie zuvor den letzten Nerv geraubt haben. Nur, wohin verzieht man sich in der Zwischenzeit, wenn man nicht von den Trümmern getroffen werden will?

Eine Kolonie auf einem anderen Planeten wird so schnell nicht fertig sein...

Oder sollen wir uns doch lieber an Machiavelli halten, und die hehren Prinzipien fahren lassen und uns möglichst klug und effektiv ins allgemeine Hauen und Stechen stürzen, mit dem Ziel am Ende die Oberhand zu behalten, wenn genug Blut geflossen ist?

Sonntag, 21. August 2016

FAQ Rauschen

Was wäre angemessener, als das Sommerloch mit Rauschen zu füllen? Ein ideales Thema für einen neuen FAQ-Artikel (Fix Abgehandelter Quatsch), meine ich.

Rauschen, was für ein langweiliges Thema, höre ich Euch stöhnen, was gibt's da groß zu erzählen?

Wartet's ab. Wie so oft ist das ein Thema, das umso interessanter und vielfältiger wird, je tiefer man einsteigt. Rauschen taucht bei Audio immer wieder auf, denn es ist unausweichliche physikalische Realität, die gemessen, bewertet, erklärt und nach Möglichkeit in Grenzen gehalten sein will.

Was ist Rauschen eigentlich?

Verdammt gute Frage! Hier geht's schon los mit der Komplexität.

Im engeren Sinn ist es ein Signal, das durch Zufallsprozesse erzeugt wird. Durch die chaotische, thermische Bewegung von Gasmolekülen zum Beispiel. Die trommeln gegen die Membran im Ohr, und das erzeugt ein Rauschsignal, wenn auch ein sehr leises. Die chaotische Bewegung des Wassers in einem Wasserfall erzeugt ebenfalls ein Rauschsignal, bloß wesentlich lauter.

Im weiteren Sinn wird das Wort auch im Sinne von "Geräusch" benutzt, besonders im Englischen, wo das Wort "Noise" beide Bedeutungen abdeckt. Dazu gehören dann auch Signalarten, die nicht so zufällig sind, aber ebensowenig dem Nutzsignal zuzurechnen sind. Ein im Hintergrund vorbei fahrender Zug produziert ein Signal, das weitgehend aus Rauschen besteht, aber auch aus ein paar weniger zufälligen Komponenten, wie z.B. das Rattern von Rädern bzw. Stoßstellen der Schienen, und manchmal auch das typische Gekreische von Bremsen.

Es ist ein fließender Übergang zwischen dem eher gleichmäßigen Rauschen im engeren Sinn, und dem gesamten Geräusch im weiteren Sinn, das auch die weniger zufälligen Teile umfaßt. Oft wird unterschieden zwischen dem gewollten Signal (Nutzsignal) und dem ungewollen Signal (Störsignal), wobei beim Störsignal nochmal unterschieden wird zwischen denjenigen störenden Anteilen, die mit dem Nutzsignal zusammen hängen (Verzerrungen) und den "eigentlichen" Störungen, die vom Nutzsignal unabhängig sind. Bei den Verzerrungen kann man weiter unterscheiden zwischen den harmonischen Verzerrungen und den unharmonischen Verzerrungen, die beide dieselbe Ursache haben können, aber sich anders auswirken. Die vom Nutzsignal unabhängigen Störungen schließlich unterteilen sich in zufällige Störungen, also Rauschen in der einen oder anderen Form, und systematische Störungen, die eine bestimmte Regelmäßigkeit haben, z.B. Brummen aus der Netzstromversorgung.

Ich verstehe unter Rauschen eher dieses gleichmäßige Wasserfallgeräusch. Wieso zählst Du diese ganzen anderen Sachen ebenfalls dazu?

Das bin nicht ich, das kommt aus der Praxis. Und zum Teil auch aus dem Englischen, wo wie gesagt die Begriffsbedeutung etwas allgemeiner ist. Wenn man z.B. von "Signal to Noise" redet, auf Deutsch "Rauschabstand", dann meint man meist den Unterschied in der Stärke zwischen dem Nutzsignal und den Störungen, wovon das Rauschen im engeren Sinn nur ein Teil von mehreren ist. Eigentlich müsste man korrekterweise von "Störabstand" reden, aber der englische Begriff "Noise" wird oft etwas sorglos eingedeutscht, was begriffliche Mißverständnisse hervorrufen kann.

Es gibt eigentlich auch eine ziemlich klar definierte deutsche Begriffsdefinition, die man vor Jahrzehnten mal genormt hat, aber die scheint in der Praxis wenig bekannt zu sein und ist auch gegenüber den englischen Begriffen ins Hintertreffen geraten, so daß man sich ggf. genauer ansehen muß, welche Begriffsbedeutung man unterstellen kann, wenn man irgendwo etwas über Rauschen liest.

Also ich lese immer wieder was von "Rauschteppich", von "SNR", von "THD+N", von Rauschabstand oder auch vom "dynamic range". Scheint alles irgendwie ähnlich zu sein, und doch wieder anders. Wie ist das zu verstehen?

Da stecken wieder diese unterschiedlichen Arten von Störung drin, deshalb muß man das einzeln aufdröseln.

Nehmen wir zuerst mal den Begriff "SNR" (Signal to Noise Ratio). Als "Noise" wird in diesem Fall alles genommen, was nicht mit dem Signal zusammen hängt. Verzerrungen zählen also nicht dazu, systematische Störungen wie z.B. Brumm dagegen schon. Die Messung ist recht einfach: Man mißt die Stärke des Gesamtsignals bei eingeschaltetem Nutzsignal, und schaltet dann das Nutzsignal ab und mißt nochmal. Das Verhältnis zwischen den beiden Messungen ergibt den SNR-Wert, den man meist in dB angibt. Wenn man das Nutzsignal abschaltet, dann verschwindet nicht nur das Signal selbst, sondern auch seine Verzerrungsprodukte. Übrig bleibt all das, was mit dem Nutzsignal nichts zu tun hat.

Bei THD+N ist das anders, denn da bildet man das Verhältnis zwischen der Stärke des Gesamtsignals mit Nutzsignal und allen Störungen, und dem gleichen Signal, bei dem man das Nutzsignal herausgefiltert hat. Genau genommen ist das Verhältnis anders herum, die Störungen werden zum Gesamtsignal ins Verhältnis gesetzt, weswegen hier eine negative dB-Zahl heraus kommt, während sie bei SNR positiv ist (Wer sich wundert, wieso das Umdrehen eines Verhältnisses das Vorzeichen bei der dB-Rechnung umkehrt, der sollte seine Kenntnisse in Logarithmen auffrischen, auf denen die dB-Rechnung beruht). Der Effekt ist, daß hier auch die vom Nutzsignal abhängigen Störungen, also die Verzerrungen, mit zur Störung gerechnet werden. In der Praxis ist also der THD+N-Wert meist schlechter als der SNR-Wert. Der Unterschied geht auf das Konto der Verzerrungen.

Wie gesagt handelt es sich im Falle von SNR und THD+N um Verhältnisse zwischen zwei Messungen, weshalb dabei als "Einheit" einfach dB heraus kommen. Es wird eine Messung gemacht mit dem Nutzsignal, und eine ohne das Nutzsignal. Bei SNR wird das Nutzsignal abgeschaltet, bei THD+N nachträglich herausgefiltert. Beidesmal spielt für das Messergebnis eine wesentliche Rolle, wie stark das Nutzsignal bei der Messung gewählt wird. Für die korrekte Interpretation der Ergebnisse muß das bekannt sein.

Wenn ich Angaben über THD+N oder über SNR lese, steht so etwas aber oft nicht dabei.

Das ist ein Problem. Man wird aber in solchen Fällen meist davon ausgehen können, daß ein Hersteller diejenigen Messbedingungen wählt, die den größten Zahlenwert bei der Messung ergeben. Er will ja möglichst gut da stehen. Bei der SNR ist das etwas gefährlicher, weil die Verzerrungen nicht ins Messergebnis eingehen, also könnte der Hersteller ein derart starkes Nutzsignal wählen, daß schon erhebliche Verzerrungen auftreten. Das wäre geschummelt. Bei THD+N würde das den Messwert verschlechtern, also muss man mit dem Nutzsignal so weit zurück gehen, daß die Verzerrungen minimal werden.

Ist dann nicht THD+N grundsätzlich die sinnvollere Messung?

Nicht unbedingt. Es kommt darauf an was man wissen will. Wenn man wissen will, wie stark das Hintergrundgeräusch ist, das man ja bei vorhandenem Nutzsignal meist gar nicht hört, weil es überdeckt wird, dann hilft einem THD+N nichts. Wenn man dagegen wissen will, wie originalgetreu ein Signal wiedergegeben wird, dann liegt man mit THD+N besser, denn es beinhaltet alle Arten von Störung.

Woher weiß ich denn, ob die Messbedingungen, die der Hersteller für die Messung gewählt hat, mit den realen Bedingungen im praktischen Betrieb vergleichbar sind?

Du kannst leider oft davon ausgehen, daß sie es nicht sind, es sei denn die Messbedingungen sind angegeben. Der Hersteller will oft die bestmöglichen Zahlenwerte herauskitzeln, und nicht die bestmögliche Praxisrelevanz.

Nimm als Beispiel einen normalen Vollverstärker. THD+N wird da oft am kleinsten, wenn man in die Nähe der Vollaussteuerung kommt, also an dem Punkt an dem der Verstärker gerade noch keine Begrenzungserscheinungen zeigt. Das ist sehr laut, in den allermeisten Fällen weitaus lauter als im Normalbetrieb. Im Normalbetrieb kommt man oft nicht über 1 Watt Ausgangsleistung hinaus, wenn die Lautstärke im üblichen Rahmen bleiben soll. Eigentlich würde der THD+N-Wert bei dieser Betriebssituation eher interessieren, und wäre dann auch eher zwischen verschiedenen Verstärkern vergleichbar. Ähnlich geht das Argument bei SNR, denn wenn man daraus ermitteln will, welcher Verstärker in der Praxis mehr rauscht, dann interessiert weniger der Abstand zwischen dem absolut lautesten Signal und der Lautstärke des Rauschens, sondern eher die Lautstärke des Rauschens als solche.

Ein wenig besser sieht's aus, wenn die Norm angegeben ist, nach der man mißt, denn dort sind die Messbedingungen genannt. Das Problem für den Anwender ist dann aber, daß er die Norm nicht hat und teuer kaufen müßte. Schlimmer noch, es gibt diverse unterschiedliche Normierungsgremien und demzufolge viele Normen. Da gibt es AES, DIN, EIA, IEC, SMPTE etc., und es werden sogar teilweise immer noch Normen benutzt, die schon seit Jahrzehnten außer Kraft sind. Wenn der eine Hersteller nach der einen Norm mißt, und der andere nach einer anderen, dann müßte man sich schon zwei Normen besorgen, nur um dann vielleicht festzustellen, daß die Werte nicht miteinander vergleichbar sind.

Wie mißt man denn die Lautstärke des Rauschens als solche? Ist das der "Rauschteppich"?

Da gibt's auch wieder diverse Varianten. Der Begriff des Rauschteppichs ist dabei eher bildlich und hat mit einer Messung nichts zu tun. Das Bild kommt vielleicht von den FFT-Diagrammen, wo man einen Signalpegel als Kurve über der Frequenz aufträgt. Rauschen sieht dort wie eine unruhige Grundlinie aus, wie eine Wiese oder ein Teppich von der Seite betrachtet.

Im Grunde will man wissen, ob dieser Teppich höher oder tiefer auf dem Diagramm zu liegen kommt, je höher desto lauter. Das ist aber erst einmal nur eine qualitative Aussage. Eine quantitative Messung wird daraus erst durch eine Reihe von Festlegungen bei der Messung.

Will man das Rauschen mit einer einzelnen Zahl charakterisieren, so muß man festlegen, mit welcher Bandbreite man mißt bzw. welche Bewertungskurve man verwendet, und mit welchem Detektor. Eine korrekte Angabe wäre z.B.: Rauschen unbewertet 20 Hz .. 20 kHz (-3 dB), effektiv. Das Ergebnis gibt man z.B. in dBV an, wenn man Rauschspannungen mißt, z.B. am Ausgang eines Verstärkers.

Eine unbewertete Messung behandelt alle Rauschfrequenzen innerhalb der Messbandbreite gleich. Außerhalb der Messbandbreite werden sie unterdrückt. In aller Regel interessiert man sich nur für die Rauschfrequenzen im hörbaren Bereich, eine Bandbegrenzung von 20 Hz .. 20 kHz (oder so ähnlich) ist daher bei Audio üblich für solche Messungen.

Nun ist aber das Gehör nicht für alle Frequenzen gleich empfindlich, speziell dann nicht, wenn es um eher leise Signale geht, was für Hintergrundrauschen ja hoffentlich der Fall ist. Da sind wir wieder bei den berühmten Fletcher-Munson-Kurven. Eine unbewertete Messung wird also kein Ergebnis liefern, was ungefähr dem menschlichen Lautheitsempfinden entspricht. Man begegnet dem durch die Verwendung von Bewertungsfiltern, deren Kurvenverlauf so gestaltet ist, daß sie die "Badewannenkurve" von Fletcher-Munson in etwa kompensieren. Also die Badewanne auf den Kopf gestellt. Im Ergebnis wird die Messung für tiefe und besonders hohe Frequenzen sehr unempfindlich, für mittlere Frequenzen aber besonders empfindlich. Damit liefert der Messwert eine bessere Annäherung an das menschliche Lautheitsempfinden.

Es gibt zwei verbreitete Bewertungsfilter für das Messen von Hintergrundrauschen im Audio-Bereich (den Telefon-Bereich nehme ich hier einmal aus, dort gibt's andere Filterkurven). Eines ist unter dem Namen A-Bewertung bekannt und ist von der IEC genormt. Ein zweites ist als CCIR-468 bekannt (obwohl das CCIR schon längst in der ITU aufgegangen ist). Andere Bewertungen haben sich nicht auf breiter Front durchsetzen können. Diese Filterkurven beinhalten eine Bandbegrenzung, so daß man bei deren Verwendung keine ausdrücklichen Angaben zur Bandbreite zu machen braucht. Messungen mit solchen Bewertungsfiltern werden auch "psophometrisch" genannt, ein entsprechendes Messgerät heißt "Psophometer". Ein Psophometer ist also ein Messgerät zur "gehörrichtigen" Messung von Hintergrundrauschen. Früher wurde das als eigenständiges Gerät verkauft, heutzutage ist es eine Softwarefunktion in einem Audio-Analysator.

Das ist ja schon mal recht kompliziert. Und was ist mit den Detektoren?

Das kommt als Variable noch dazu. Da es sich bei unserem Signal um ein Wechselspannungssignal aus unterschiedlichsten Frequenzen dreht, bei dem sich die momentane Spannung dauernd ändert, braucht man für eine halbwegs stabile Messung einen Detektor, der dieses Chaos "ausmittelt" und eine ruhige Anzeige ermöglicht. Es gibt eigentlich drei prinzipielle Alternativen: Mittelwert, Effektivwert und Spitzenwert. Der Mittelwert-Detektor mittelt die Spannung über die Zeit (genauer: den Betrag der Spannung). Der Effektivwert-Detektor mittelt die Leistung über die Zeit (in der Praxis wird meist das Quadrat der Spannung gemittelt, und vom Ergebnis die Wurzel gezogen, worauf der englische Begriff RMS hindeutet -- Root Mean Square). Der Spitzenwert-Detektor folgt den Signalspitzen, entweder einseitig oder besser beidseitig.

In der Praxis haben solche Detektoren noch eine "Ballistik", das heißt eine Reaktionsgeschwindigkeit. Je schneller sie ist, desto mehr folgt die Anzeige dem Signal, desto unruhiger wird sie aber auch. Man strebt daher einen Kompromiß zwischen Ablesbarkeit, Meßzeit und Meßgenauigkeit an. Die genaue Charakteristik solcher Detektoren ist Gegenstand der Normung. Es sollte klar sein, daß die Wahl des Detektors das Meßergebnis beeinflußt, daß man also Meßergebnisse nicht ohne weiteres vergleichen kann, wenn sie mit unterschiedlichen Detektoren ermittelt wurden.

Na super, das sind ja schon einmal dutzende Kombinationsmöglichkeiten. Das Schöne an Normen ist, daß es so viele davon gibt. Und was nimmt man jetzt in der Praxis?

Wie ich oben schon mal schrieb: Es kommt darauf an was man wissen will.

Die erste grundsätzliche Entscheidung ist die, ob man gehörrichtig messen will oder nicht, also ob einen eher die elektrische Situation interessiert, ohne Bezug zu dem was davon hörbar ist, oder ob es eben darum geht, die vom Menschen empfundene Lautstärke des Rauschens zu ermitteln, also quasi den störenden Effekt des Rauschens. Das ist die Entscheidung, ob man gewichtet mißt oder ungewichtet.

Wenn man sich für eine ungewichtete Messung entschieden hat, ist damit unmittelbar klar, daß das Ergebnis mit dem Höreindruck nur wenig zu tun haben wird. Der Messwert wird also kaum als Argument in einer Klangdiskussion taugen. Dafür kann man daran eher erkennen, wie sauber der elektronische Signalpfad ist. Zum Beispiel geht ein Brummen ungeschwächt in das Messergebnis ein. Ähnlich sieht es bei sehr hochfrequenten Störfrequenzen aus, die auch dann noch ins Messergebnis eingehen, wenn sie schon nicht mehr hörbar sind. Immer vorausgesetzt, die Störfrequenzen sind innerhalb der Messbandbreite. Diese Messbandbreite ist die zweite Entscheidung, die man zu fällen hat.

Eine gewichtete Messung ist dagegen für Brummen recht unempfindlich, und auch für hochfrequente Störungen. Wie eben auch das menschliche Gehör. Deswegen korrelliert ein Messergebnis aus einer gewichteten Messung erheblich besser mit dem Höreindruck, und taugt folglich auch eher in einer Diskussion um den Klangeinfluß einer Komponente.

Hat man sich für eine gewichtete Messung entschieden, gibt es eigentlich nur zwei in Frage kommende Alternativen: Entweder man mißt A-bewertet mit Effektivwert-Detektor, oder CCIR-bewertet mit Quasi-Spitzenwert-Detektor. Das sind die dominierenden Kombinationen, auch wenn man natürlich auch andere Möglichkeiten hätte. Das "Quasi" bei der zweiten Alternative drückt aus, daß es sich nicht um einen reinen Spitzenwertdetektor handelt, sondern um eine speziell angepasste Variante, deren ballistische Eigenschaften auch nach den Eigenschaften des Gehörs gestaltet sind, denn das Gehör selbst hat ebenfalls eine Art Detektorverhalten bei der Bewertung von Hintergrundgeräusch, dem man sich anzunähern versucht.

Man kann also davon ausgehen, daß die CCIR-Methode noch näher an den Eigenschaften des Gehörs liegt, besonders für Störungen, die nicht nur aus gleichmäßigem Rauschen bestehen. Das CCIR-Verfahren wäre damit die erste Wahl, wenn nicht schlechtere Zahlenwerte dabei heraus kämen als bei der A-bewerteten Messung. Das läßt die CCIR-Wertung auf dem Papier schlechter da stehen, was beim Marketing unpopulär ist. Die Firma Dolby, die sich mit Marketing bestens auskennt, hat daher mal eine weitere Bewertungskurve in die Normierungs-Diskussion gebracht, die im Grunde gleich wie die CCIR-Kurve aussieht, bloß mit verschobenem Maßstab, so daß bessere Zahlenwerte heraus kommen, die gegenüber einer Messung mit A-Bewertung nicht schlecht aussehen. Das hat sich aber nicht durchgesetzt.

Falls Ihr also gehörrichtig messen wollt, und Marketingüberlegungen in Richtung Schwanzlängenvergleich nicht dominant sind, dann würde ich zur CCIR-Methode greifen. Wenn sich alle Messenden an die Regeln gehalten haben, dann kann man am Ergebnis tatsächlich erkennen, welcher Kandidat hörbar weniger Hintergrundgeräusch erzeugt als die anderen.

Wer sich für die ganze Geschichte und die Details dieses recht komplexen Themas interessiert, dem lege ich die Webseite des Australiers Robin Whittle ans Herz, falls Ihr mit Englisch keine Schwierigkeiten habt.

Uff, das war eine ziemliche Dosis! Und das alles für die Messung einer einzigen Zahl. Wieso ist das eigentlich so kompliziert? Wenn ich eine Spannung mit dem Multimeter messe ist das doch ganz einfach!

Das kommt daher, daß das Rauschen ein komplizierteres Signal ist als ein Sinussignal, und auch daher, daß das menschliche Gehör so komplizierte Eigenschaften hat.

Rauschen ist schon dann kompliziert, wenn es sich gleichmäßig anhört. Der einfachste Fall ist da das weiße Rauschen, in dem alle Frequenzen gleichermaßen vertreten sind. Das entspricht oft nicht der Realität, wo die Rauschanteile oft nach Frequenz unterschiedlich sind. Im allgemeineren Fall kommen da noch weitere Störsignale hinzu, die nicht mehr als Rauschen im engeren Sinn gelten können, sondern auf deutsch eher Geräusch genannt würden. Das alles läßt Rauschen zu einem komplizierten Signal werden.

Darin liegt z.B. die Ursache dafür, daß die Messbandbreite eine solche Rolle spielt. Wenn ich ein Sinussignal messe, z.B. eines mit 1 kHz Frequenz, dann ist die Messbandbreite des Messgerätes so gut wie egal, Hauptsache die 1 kHz liegen innerhalb des Bereichs. Dann ist das Messergebnis davon unabhängig. Man könnte ganz schmalbandig messen, und nur Frequenzen in unmittelbarer Nähe von 1 kHz zulassen, oder man könnte breitbandig messen, z.B. mit 20 Hz .. 20 kHz, es käme dasselbe Ergebnis heraus, so lange keinen nennenswerten Störsignale vorhanden sind.

Ganz anders beim Rauschen. Da hier alle Frequenzen vertreten sind, hängt das Messergebnis direkt davon ab, welche Frequenzen man berücksichtigt, und welche man wegfiltert. Je schmalbandiger man mißt, desto weniger kommt durch, und desto niedriger der Messwert.

Das heißt dann wohl, daß man durch schmalbandiges Messen gezielt Störsignale und Rauschen ausblenden kann, wenn man die Stärke eines Sinussignals messen will, stimmt's?

Ganz recht! Die Wahl der passenden Bandbreite ist nicht bloß beim Messen, sondern auch bei allen Kommunikationstechniken grundlegend. Man will möglichst wenig gestört werden, um seine Nachricht möglichst unverfälscht zu empfangen. Also schneidet man alles weg, was nicht zur Nachricht gehört. Wenn das Nutzsignal sehr schmalbandig ist, also im Idealfall eine einzige Frequenz, dann kann man durch entsprechend schmalbandige Filter beim Empfang oder bei der Messung eine optimale Empfindlichkeit erreichen. Damit einher geht auch eine entsprechende Reduktion des Rauschens.

Da der Pegel des Rauschens mit der Meßbandbreite zusammen hängt, bietet es sich an, ein Rauschmaß einzuführen, welches so mit der Bandbreite verrechnet ist, daß man die sich ergebenen Werte je nach Messbandbreite daraus ausrechnen kann. Dieses Maß ist die Rauschdichte. Man kann gedanklich den ganzen Frequenzbereich in einzelne schmale Scheiben zerschneiden, z.B. könnte jede Scheibe einen Bereich von 1 Hz umfassen. Die Messbandbreite von 20 Hz .. 20 kHz würde dann in 19980 solche Scheiben aufgeteilt. Der Energieerhaltungssatz legt nahe, daß sich die Gesamtleistung des Rauschens aus der Summe der Leistungen in jeder Scheibe zusammen setzt. Das heißt, in jeder Scheibe findet man nur einen Bruchteil der Gesamtleistung des Rauschens. Diesen Bruchteil, also die Rauschleistung pro Frequenzeinheit, nennt man Rauschdichte. Bei weißem Rauschen ist die Rauschdichte in jeder Scheibe gleich, sie ist also über die Frequenz konstant. Kennt man die Rauschdichte, dann kann man die gesamte Rauschleistung für jede Bandbreite berechnen.

Ist dann die Kurve, die man bei FFT-Messungen sieht, diese Rauschdichte, über die Frequenz aufgetragen?

Nein, nicht ganz. Die FFT macht genau das was ich oben beschrieb: Sie teilt den Frequenzbereich in Scheiben (engl. bins), und berechnet in jeder Scheibe den zugehörigen Leistungs- oder Spannungswert. Die "Dicke" der Scheiben, also die Frequenzspanne, die eine Scheibe repräsentiert, ergibt sich durch die Anzahl der Punkte der FFT, in Kombination mit der Abtastrate. Bei einer Abtastrate von 48 kHz und einer Punktezahl von 24000 würde sich genau 1 Hz pro Scheibe ergeben. Dann hätte man die Rauschdichte. Bei anderen Punktezahlen ergeben sich aber entweder dickere oder dünnere Scheiben, so daß kleinere oder größere Leistungswerte heraus kommen. Das führt dazu, daß mit steigender Punktezahl der FFT das gleiche Rauschsignal eine immer tiefer liegende Linie auf dem Diagramm bewirkt. Auf so einem Diagramm rutscht der Rauschteppich bei jeder Verdopplung der Punktezahl der FFT um 3dB nach unten.

Warum kompensiert man das nicht heraus, indem man den Maßstab um 3 dB verschiebt?

Weil das dann für Sinussignale nicht mehr stimmen würde. Ein Sinussignal mit z.B. der Frequenz 1 kHz fällt ja immer in eine Scheibe, egal ob die nun dicker oder dünner ist. Wenn ich nun bei einer Verdopplung der Punktezahl der FFT den Maßstab um 3dB verschieben würde, dann wäre zwar der scheinbare Rauschteppich auf der gleichen Höhe geblieben, aber die Spitze, die zum Sinussignal gehört, wäre um 3 dB höher geworden, obwohl sich am Signal nichts geändert hat. Das wäre noch verwirrender.

Es hilft nichts: Man muß bei Rauschbetrachtungen per FFT die Abtastrate und die Punktezahl der FFT kennen, sonst kann man keine vernünftigen Aussagen machen. Das heißt man muß diese 3dB-Regel bei Punkteverdopplung kennen und berücksichtigen.

Das heißt das "Gras" in so einer FFT-Kurve ist gar nicht der echte Rauschteppich?

Nein, dem Pegel nach nicht. Das Aussehen ist zwar so, aber die konkreten Zahlenwerte stimmen nicht. Unter dem Rauschteppich versteht man normalerweise die Gesamtheit des Rauschens in einem Frequenzbereich, was letztlich auf eine breitbandige Messung hinaus läuft, während die vielen "bins" bei einer FFT eine schmalbandige Messung darstellen, die ganz andere Werte ergibt. Man könnte aus dem FFT-Bild den Pegel des Rauschteppichs dadurch berechnen, daß man die in jeder Scheibe gemessene Rauschleistung addiert, und zwar für alle Scheiben, die zur gewünschten Bandbreite dazu gehören.

Es ist aber eine gute Gelegenheit für irreführendes Marketing: Mache eine möglichst hochauflösende FFT (mit möglichst vielen Punkten), dann verschiebt sich der dargestellte "scheinbare" Rauschteppich nach unten, und der Kunde wird glauben das Produkt sei besser.

OK, so langsam ist meine Informationsverarbeitungsfähigkeit an der Grenze. Eins fehlt aber noch: "Dynamic Range". Wie passt das ins Bild?

Das ist im Grunde das gleiche wie SNR, wenn man den maximal möglichen Signalpegel zur Messung nimmt. Erinnere Dich daß die SNR-Messung eine Verhältnis-Bildung zweier Messungen darstellt, eine mit Nutzsignal und eine ohne. Die Stärke des Nutzsignals ist bei SNR erst einmal undefiniert, und muß nicht unbedingt die maximal mögliche sein. Je nach Meßvorschrift kann es sich auch um einen Nennpegel handeln, oberhalb dessen durchaus noch einiger "Headroom" besteht.

Beim Begriff "Dynamic Range" wird dagegen immer mit dem maximal möglichen Pegel beim Nutzsignal gearbeitet, bei dem noch keine nennenswerten Verzerrungen auftreten. Wieviele Verzerrungen die Grenze darstellen, muß festgelegt sein.

Die Werte für SNR sind also entweder gleich oder schlechter als die Werte für den Dynamic Range, je nachdem welchen Referenzpegel man für die SNR-Messung benutzt, bzw. wieviel Headroom man bei der SNR-Messung läßt. Man könnte auch sagen: Dynamic Range = SNR + Headroom.

Während man bei einer SNR-Messung erwarten würde, daß der Referenzpegel explizit angegeben wird, würde man bei einer Angabe des Dynamic Range erwarten, daß angegeben wird, mit welchem maximalen Klirr man gemessen hat.

Bei digitalen Systemen wird in aller Regel das maximal verzerrungsfrei darstellbare Sinussignal als Referenz verwendet (0dBFS). Man nimmt dabei statt 1 kHz oft eine Frequenz von 997 Hz, damit die Signalfrequenz und die Abtastfrequenz prim zueinander sind. Bei reinen Digitalsystemen ergibt sich die Dynamik direkt aus der Wortlänge in Bit, lediglich die Wahl des Dither kann hier noch einen (kleinen) Einfluß haben. Die Tatsache, daß die Bitanzahl einem Rauschabstand entspricht, führt zu ENOB als Maß (Effective Number Of Bits), was aber letztlich nur eine andere Darstellung der gleichen Information bedeutet.

Gut, das reicht. Haste noch ein paar Literaturhinweise, für später wenn mein Kanal wieder aufnahmefähig ist?

Probier's mal mit diesem Tutorial, das ein bißchen A/D-Wandler, bzw. D/A-Wandler-zentriert ist.

Auch nicht schlecht ist das Papier von David Mathew, und natürlich die Informationssammlung des verstorbenen Eberhard Sengpiel. Der verweist auf diverse Wikipedia-Artikel, was ich hier aus Faulheitsgründen nicht gemacht habe.